Von der Basis bis zur Bundesliga – Zwei Generationen, eine Leidenschaft! – Trainertreff in Kiel

Von der Basis bis zur Bundesliga – Zwei Generationen, eine Leidenschaft! – Trainertreff in Kiel

Von der Basis bis zur Bundesliga – Zwei Generationen, eine Leidenschaft! – Trainertreff in Kiel

12. Juli 2025| DHTV

HVSH x THW Kiel x DHTV – Trainertreff – 25.07.2025

Von der Basis bis zur Bundesliga – Zwei Generationen, eine Leidenschaft!

Wenn Pitti von Handball spricht, hören selbst gestandene Profis genau hin – so wie Patrick Wiencek, der bis heute beim THW Kiel rackerte wie kein Zweiter.

Pitti erzählt beim Trainertreff, was viele nicht wissen:

Der Weg von Patrick begann mit einem Trainer, der Handball nicht nur verstand, sondern lebte – Leszek Hoft. Ob Hallenluft, Taktiktafel oder das richtige Wort im richtigen Moment – Hoft war da. Und Wiencek hörte zu.

„Ich habe bei Leszek gelernt, was Disziplin und Teamgeist wirklich bedeuten.“ – Patrick Wiencek
„Patrick war schon damals ein Fels. Aber auch Felsen brauchen manchmal einen Anschub.“ – Leszek Hoft

Heute stehen sie an unterschiedlichen Orten im Handball, aber verbunden durch das, was diesen Sport groß macht:

Leidenschaft, Ehrlichkeit und die Liebe zum Spiel.

Zwei Zebras. Zwei Wege. Ein Herz für Handball.

Programm:

15:00 Uhr
Begrüßung – Europaplatz Kiel, Spielereingang „Wunderino Arena Meet & Greet beim “AHOI BAM BAM“ Event”

15:10 – 15:55 Uhr
Vortrag: Kiel & seine Zebras“ VIP Raum-Arena – Referent: Klaus-Dieter Petersen und Junioren Team

16:00 – 16:45 Uhr
Vortrag: Qualitative Trainingszeit im HVSH Stützpunkt „Mitte“ – Im Landesleistungsstützpunkt lernen wir, wie man fit wird, schnell spielt, stark wirft – und wie man nie aufgibt! Weil ich einen großen Traum habe: „Einmal in der DAIKIN HBL spielen.“ – Referenten: Sascha Velve & Sascha Zollinger

17:00 – 18:00 Uhr
*Vortrag: Nordisch. Ehrlich. Handball pur. – „Ich war nie ein Star-Trainer. Ich wollte, dass Jungs wie Patrick zu echten Typen werden.“ – Wer Pitti zuhört, trifft auf ein wandelndes Handball-Lexikon – mit Herz, Humor und einer unstillbaren Lust auf Neues! Referent: Klaus-Dieter Petersen

18:30 Uhr
Eventstart in der Heimat der Zebras – AHOI PATRICK!

21:30 Uhr
Ausklang in der „Wunderino Arena“

Du kannst 5 Lerneinheiten für die Lizenzverlängerung anrechnen lassen.

DHTV-ler:

  • Anerkennung mit LV abstimmen – ggf. dort Zusatzkosten für Lizenzverlängerung
  • Anmeldung über Kontaktstelle bis 23.07. – 17:00 Uhr
  • Kosten: 25,00 € (Ticket Abschiedsspiel und Fortbildung)

„Volle 60 Minuten online“ mit Frank Böllhoff

„Volle 60 Minuten online“ mit Frank Böllhoff

„Volle 60 Minuten online“ mit Frank Böllhoff

24. Juni 2025| DHTV

Direkt nach der Veröffentlichung der neuen Regelanpassungen wieder ein Highlight für Euch in unserer Vortragsreihe „Volle 60 Minuten“.

Am Montag, 30. Juni um 19:00 Uhr wird der DHB-Regelexperte Frank Böllhoff bei uns zu Gast sein.

In unserer 21. Ausgabe wird Frank die neuen Regelanpassungen vorstellen und ihre Stolpersteine beleuchten.

Fragen von Euch wird Frank wie immer gerne beantworten.

📆Montag, 30. Juni

⏰19:00 bis 20:00 Uhr

📌 Der Link für alle Online-Vorträge von „Volle 60 Minuten“ bei » Zoom
Meeting-ID: 815 7660 8634 | Kenncode: 238128

Wir freuen uns auf Frank und Euch.

Mehr als 100 gleichgesinnte Handballtrainer in Potsdam

Mehr als 100 gleichgesinnte Handballtrainer in Potsdam

Mehr als 100 gleichgesinnte Handballtrainer in Potsdam

23. Juni 2025| DHTV

Es war durchaus voll in der Potsdamer Ballspielhalle, als sich am vergangenen Samstag mehr als 100 Trainerinnen und Trainer zur mittlerweile 22. Fortbildungsveranstaltung dieser Reihe trafen. Durchgeführt und organisiert vom Handball-Verband Brandenburg, der Deutschen Handball Trainer Vereinigung (DHTV) und dem 1. VfL Potsdam als Gastgeber entwickelte sich ein Tag voller Inhalte, die inspirierten, Spaß machten und ganz sicher auch Übungen und Abläufe demonstrierten, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihr eigenes Training integrieren können. 

Alle Bilder von Sylvia Göres

 

Den Auftakt machte Anton Pack, der bekannte aber auch neue „Kleine Spiele“ zur Erwärmung präsentierte und auch große Spiele wie Fußball, Basketball oder Rugby in anderer Form vorstellte. Daran schloss sich mit Pascal Engelmann ein vom DHB lizenzierter Torwarttrainer an, der dem Publikum kind- und jugendgerechtes Torwarttraining näherbrachte.

Nach einer auch für den intensiven Austausch gedachten Mittagspause beschäftigte sich A-Lizenz-Inhaber Uwe Kalski mit Techniken und Taktiken des individuellen Abwehrspiels, ehe EHF-Mastercoach Alexander Haase mit seiner Trainingsgruppe eine intensive Übungssammlung zum Thema Tempospiel vorstellte. Alles in allem ist den Potsdamer Verantwortlichen erneut eine inhaltlich und organisatorisch sehr gute Fortbildung gelungen, die natürlich ganz sicher auch eine 23. Veranstaltung nach sich ziehen wird.

Alle Bilder von Sylvia Göres

„Gewalt im Sport ist ein sehr ernst zu nehmendes Problem“ – Interview mit Dominique Delnef

„Gewalt im Sport ist ein sehr ernst zu nehmendes Problem“ – Interview mit Dominique Delnef

„Gewalt im Sport ist ein sehr ernst zu nehmendes Problem“ – Interview mit Dominique Delnef

13. Juni 2025| DHTV

Dominique Delnef ist Referentin für Schutz vor (sexualisierter) Gewalt bei der Deutschen Sportjugend (dsj) im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Im Interview erklärt sie die verschiedenen Formen von Gewalt im Sport, das Konzept des so genannten  „Empowermental Climate“ und gibt Ratschläge für Funktionäre und Trainer zur Prävention von Gewalt im eigenen Verein.

 

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um die Themen psychische, physische und sexualisierte Gewalt. Für manche Menschen können diese Themen emotional belastend sein. Hilfe in Belastungssituationen finden Sie z.B. bei der Ansprechstelle Safe Sport e.V., beim Hilfetelefon oder bei Anlauf gegen Gewalt.

Frau Delnef, Sie setzen sich bei der dsj für einen „Safe Sport“ ein, für einen gewaltfreien Sport. Um zunächst alle Leser:innen abzuholen: Was versteht man unter Gewalt im Sport?

Gewalt im Sport fällt in den Bereich der „interpersonalen Gewalt“. Der Begriff klingt erst einmal ein bisschen sperrig, aber damit werden vier Gewaltbereiche zusammengefasst: Die physische Gewalt, die psychische Gewalt, die sexualisierte Gewalt und sowie die Vernachlässigung. Im Sport beschäftigen wir uns schon lange mit dem Thema der sexualisierten Gewalt und setzen unter anderem zusammen mit den Mitgliedsorganisationen von DOSB und dsj verpflichtend, Schutzmaßnahmen umzusetzen, doch dann haben verschiedene wissenschaftliche Studien  in den letzten Jahren aber deutlich gezeigt, dass wir auch die anderen Gewaltbereiche verstärkt betrachten müssen, da sie im Sport oft miteinander einhergehen. Athlet:innen, die Gewalt erleben, sind oftmals von verschiedenen Formen betroffen.

Was umfassen die jeweiligen Gewaltbereiche?

Die physische Gewalt umfasst Formen von körperlicher Aggression, wie zum Beispiel schlagen oder würgen. Auch das Drücken in schmerzhafte Dehnpositionen gegen den Willen der Athlet:innen oder der Zwang zur Teilnehme am Wettkampf trotz Krankheit oder Verletzung fallen in diesen Bereich.

Unter psychischer Gewalt verstehen wir ein Verhalten, das angewandt wird, um Athlet:innen zu demütigen, ihnen zu drohen oder sie lächerlich zu machen. Darunter fallen neben Beleidigungen, Beschimpfungen und dem Androhen von Gewalt beispielsweise auch eine stetige und andauernde Abwertung von Leistung oder Kritik am Gewicht der Person.

Sexualisierten Gewalt wird angewendet, um  mit dem Mittel der Sexualität Macht auszuüben. Man unterscheidet zwischen sexualisierten Grenzverletzungen wie unangemessen Berührungen, Massagen oder unaufgefordertem Ausziehen sowie sexualisierter Gewalt mit und ohne Körperkontakt. Ohne Körperkontakt wären beispielsweise Chatnachrichten mit sexuellen Inhalten oder sexistische Witze; sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt sind ungewollte Küsse, versuchte sexuelle Handlungen bis hin zur Vergewaltigung.

Und der vierte Gewaltbereich: Die Vernachlässigung?

Das ist ein Bereich, der relativ neu benannt worden ist. Er umfasst die absichtliche Nichtbeachtung oder aktive Verweigerung von grundlegenden Bedürfnissen der Athlet:innen über einen längeren Zeitraum. Ein generelles Verbot, im Training zu trinken, wäre ein Beispiel; ebenso wie das Verweigern von Ruhepausen, sodass Athlet:innen sich nicht erholen dürfen.

Wenn man über diese Gewaltformen spricht, kommt oftmals die Argumentation, , dass man als Athlet:in widersprechen oder sich wehren kann, aber dem steht oftmals eine Abhängigkeit und ein Machtgefälle von Trainer:innen oder Verantwortlichen – gerade im Leistungssport – entgegen. Die Sportler:innen befürchten, nicht mehr nominiert, ungerecht behandelt oder ignoriert zu werden. Oder sie haben Zweifel, ob man sie ernst nimmt und die Meldung vertraulich behandelt wird. Das sind unter anderem Gründe, warum Betroffene ihre Gewalterfahrungen innerhalb der Sportstruktur nicht melden.

Welche Datenlage bzw. Zahlen gibt es zu dem Vorkommen von Gewalt im Sport?

Es gab in den vergangenen Jahren drei große Studien*, die eine gute Zahlenbasis hervorgebracht haben, auf die wir uns stützen können. Zwei Drittel der Befragten haben danach angegeben, mindestens einmal irgendeine Form von Gewalt im Zusammenhang mit dem Vereinssport erlebt zu haben, das entspricht sieben von zehn Personen.

Kann man diese Zahl tatsächlich auf die Masse an Vereinssportler:innen in Deutschland hochrechnen?

Ja, davon kann man ausgehen, denn obwohl die Herangehensweise der Studien unterschiedlich war, waren die Zahlen sehr ähnlich. Wenn wir die Zahlen differenzierter betrachten, heißt es, dass sechs von zehn Personen im Vereinssport mindestens einmal psychische Gewalt erlebt haben. Vier von zehn Personen haben körperliche Gewalt erfahren und drei von zehn Personen mussten sexualisierte Gewalt erfahren. Diese Zahlen sind erschreckend und halten vor Augen, dass Gewalt im Sport ein sehr ernst zu nehmendes Problem ist gegen das wir noch aktiver vorangehen müssen..

Das würde für den Handball bedeuten, dass 14 von 20 Spieler:innen in einer Mannschaft bereits eine Form von Gewalt erlebt haben. Das ist eine immens hohe Zahl.

Das stimmt. Natürlich ist es wichtig, differenziert hinzuschauen, was hinter den Zahlen steht – ob die Athlet:innen beispielsweise mehrmals Gewalterfahrungen machen mussten oder ob es sich um einmalige Situationen handelt.,. Dennoch: Wir wissen, dass es nicht unbedingt auf die Häufigkeit der Gewalterfahrungen ankommt, sondern auch einmalige oder weniger oft vorkommende Gewalterfahrung sehr schwerwiegende Folgen haben kann.

Daher muss es unser aller Ziel sein, diese Zahlen zu verringern – und das nicht, in dem einfach nicht mehr darüber gesprochen wird, sodass die Zahlen in keiner Statistik auftauchen, sondern im Gegenteil: Wir müssen alle hinsehen, das eigene Handeln reflektieren und Wege schaffen, wie betroffene Personen sich melden können und anschließend geschützt werden, sodass sie keine Angst vor negativen Konsequenzen haben müssen.

Es gab in den vergangenen Jahren verschiedene Medienberichte über Gewalt im Sport. Was hat sich dadurch in der öffentlichen Sichtbarkeit bewegt?

Tatsächlich sind in den letzten Jahren sehr viele Vorfälle von Gewalt im Sport öffentlich bekannt geworden und es waren viele Betroffen bereit, öffentlich zu sprechen. Jeder Vorfall ist sehr erschütternd, aber es hält uns gleichzeitig vor Augen, dass Gewalt im Sport existent ist – unabhängig von der Sportart und dem Leistungsniveau. Die Formen der Gewalt mögen sich unterscheiden, aber keine Sportart kann sich ausnehmen. Diese Berichte und der Mut der Betroffenen, darüber zu sprechen, helfen, das Thema sichtbarer zu machen und die sportpolitische Aufmerksamkeit auf die Problematik von Gewalterfahrungen im Sport zu lenken.

Was hat sich dadurch bereits bewegt?

Das Engagement in den Sportstrukturen ist gestiegen, die Strukturen im Sport zum Schutz vor Gewalt zu verbessern, ist ein Ziel, zu dem sich die Mitgliedsorganisationen von DOSB und dsj im Zukunftsplan Safe Sport  für die nächsten 10 Jahre als Gesamtstrategie entschlossen haben. In dem Zuge wurde bspw. die Entwicklung des Safe Sport Codes, ein verbandsrechtliches Regelwerk zur rechtsicheren Sanktionierung unterhalb der Strafbarkeitsgrenze bereits angegangen.. Auch auf bundespolitischer Ebene hat sich viel bewegt. So ist beispielsweise 2023 die unabhängige Ansprechstelle Safe Sport  im Zuge der Gründung des Zentrums für Safe Sport geschaffen worden, die außerhalb der bestehenden Strukturen im Sport existiert. Betroffene aus dem Sport können sich an diese Stelle wenden und erfahren dort im Rahmen von Beratungsterminen psychologische und juristische Unterstützung.

Die Berichte in den Medien haben auch gezeigt: Gewalt im Sport ist nicht nur ein Problem im Leistungssport, sondern kommt auch im Breitensport immer wieder vor. Warum ist der Sport eventuell besonders anfällig?

Zunächst ist der Sport ein Querschnitt der Gesellschaft. Und wenn Gewalt in der Gesellschaft generell vorkommt, liegt es auf der Hand, dass auch im Sport Gewalt passiert – ebenso wie in Schulen, Kirchen oder kulturellen Institutionen. Dass es sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport zu Gewalt kommt, ist ebenfalls Fakt.

Der Breitensport hat ein sehr offenes System, das von ehrenamtlichen Menschen getragen wird, die eine wertvolle Arbeit machen und ohne die die Sportvereine nicht existieren könnten. Dadurch haben aber auch die Täter:innen leichten Zugang, denn wenn jemand Hilfe anbietet, werden die meisten Vereine sie annehmen. Mitunter sind das gezielte Strategien der Täter:innen, um Kontakt zu Kindern und Jugendlichen anzubahnen. Das zu erkennen, ist die Herausforderung im Vereinssport.

Im Leistungssport herrschen bestimmte strukturelle Bedingungen, die Gewalt begünstigen. Wir haben eine große Körperzentriertheit, mitunter auch durch die vorgeschriebene Bekleidung und durch Hilfestellungen. Dazu kommt der Leistungsgedanke und damit einhergehende Nähe- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Trainer:innen und Athlet:innen, die eine Machtausübung begünstigen können.

Wenn wir speziell auf den Handball schauen: Was sind die Basics, die ein Verein sicherstellen sollte, um ein sicheres Umfeld für Kinder und Jugendliche zu bieten?

Den Verantwortlichen im Verein muss zunächst bewusst sein, dass das Problem auch in ihrem Umfeld existiert. Nur, weil im eigenen Verein noch kein Vorfall gemeldet worden ist, heißt das nicht, dass noch nichts passiert ist. Es ist daher ganz wichtig, im Verein eine Kultur zu etablieren, in der alle Personen hinsehen und auch handeln, wenn sie beobachten, dass Gewalt ausgeübt wird.

Was genau können praktische Bausteine sein, um so eine Kultur zu schaffen? 

Es gibt bestimmte Schutzmaßnahmen, die jeder Verein etablieren kann – wie Ehrenkodizes, die von den allen unterschrieben werden sollen oder das Einsehen von erweiterten Führungszeugnissen, wenn eine Person als Trainer:in oder Übungsleiter:in neu in den Verein kommt. Vereine sollten Verhaltensregeln entwerfen, die einen respektvollen und geschützten Umgang miteinander beschreiben und die für alle gelten – zum Beispiel, dass Trainer:innen und Übungsleiter:innen nicht gemeinsam mit den Sportler:innen duschen oder nicht gemeinsam auf einem Zimmer übernachten. Ebenso kann man festhalten, dass keine Beziehungen zwischen jugendlichen Sportler:innen und Trainer:innen existieren dürfen. Und, das ist ganz entscheidend: Die Maßnahmen müssen bekannt sein.

Was bedeutet das konkret?

Die Trainer:innen, Sportler:innen und Eltern müssen die Ansprechperson zur Prävention sexualisierter Gewalt des Vereins kennen und wissen, wie die Meldewege sind. Die Trainer:innen und Übungsleiter:innen sollten geschult werden. Wenn ein Verein seine Haltung klar nach außen kommuniziert und die Maßnahmen zum Kinderschutz öffentlich darstellt, schreckt das Täter:innen oftmals ab. Die Maßnahmen müssen jedoch auch wirksam und konsequent umgesetzt werden. Es hilft niemanden, wenn ein Schutzkonzept mit Chat-GPT geschrieben wird und dann in der Schublade landet.

Sie haben eben die Meldewege angesprochen: Wie reagiere ich als ‚unbeteiligter‘ Trainer denn richtig, wenn ein Spieler oder ein Elternteil mir gegenüber einen Gewaltvorfall meldet?

Es ist wichtig, dass man die Meldung ernst nimmt, aber zugleich Ruhe bewahrt. Statt beispielsweise vorschnell die beschuldigte Personen anzusprechen, um den Fall zu klären, solle man besonnen bleiben. Im Gespräch ist es zunächst wichtig, zuzuhören, dem Kind oder Jugendlichen Glauben zu schenken, seine Anteilnahme zu zeigen und die Person zu bestärken, dass es genau richtig ist, den Vorfall zu melden, dass sie keine Schuld an dem Geschehen trägt und dass der Verein dem Vorfall nachgehen wird. Deshalb ist es so wichtig für Trainer:innen zu wissen, wie die Prozesse und Meldewege im Verein sind, um zu wissen, zu wem ich mit der Information gehen muss, damit der Vorfall verfolgt wird.

Das heißt, Sie würden raten, den Vorfall nicht selbst zu klären?

Die Person, die angesprochen wird, ist meistens nicht die Person, die für die nächsten Schritte verantwortlich ist. Insbesondere bei Kindern oder Jugendlichen  ist es eher selten, dass sie sich direkt an die offizielle Stelle wenden, weil das womöglich Fremde sind. Trainer:innen sind für Kinder und Jugendliche hingegen in der Regel sehr große Vertrauenspersonen, weil man sich oft sieht und zusammen Spaß mit dem gemeinsamen Sport hat. Deshalb werden Trainer:innen oft als die geeigneten Ansprechpersonen gesehen, um Hilfe oder Unterstützung zu bekommen. Deswegen ist es total wichtig, dass sich Trainer:innen diesem Vertrauensvorschuss bewusst sind und wissen, dass sie ein positiver Anker für betroffene Kinder und Jugendliche sein können.

Um an dieser Stelle noch einmal einzuhaken: Gewalt im Sport betrifft aber nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene können betroffen sein.

Auf jeden Fall! Es ist gut, das wir das noch einmal ansprechen, denn dahingehend gab es eine Weiterentwicklung. Die Auseinandersetzung mit Gewalt im Sport kam früher in erster Linie aus dem Kinder- und Jugendbereich, aber durch Studien wurde gezeigt, dass auch erwachsene Personensehr häufig betroffen sind, weil auch sie, gerade im Leistungssporteiner Hierarchie ausgeliefert sind. Wenn beispielsweise der*die Trainer:in entscheidet, wer aufgestellt wird, kann diese Macht ausgenutzt werden. Gewalt kann jedoch auch abseits der Athlet:innen-Trainer:innen-Beziehung erfolgen, beispielsweise in Abhängigkeitsverhältnissen oder Machtgefällen unter Trainer:innen und Betreuer:innen oder Vorstand und Traine:in.

Wenn wir zum Abschluss vom Verein auf den einzelnen Trainer blicken: Welche Vorsichtsmaßnahmen empfehlen Sie Handball-Trainer:innen, um zu verhindern, dass möglicherweise auch unbewusst bzw. unbeabsichtigt Situationen entstehen, welche für ihre Spieler:innen unangenehm oder unangemessen sein könnten?

Diese Fragestellung treibt viele Trainer:innen um, da gerade das Thema Grenzverletzungen Unsicherheit bei Trainer:innen hervorruft. Zuallererst ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass Menschen und ihre Grenzen ganz unterschiedlich sind. Bei dem einen Spieler ist der Arm um die Schulter beim Trösten nach einer Niederlage gewollt, dem nächsten Spieler ist das aber unangenehm. Ein Schlüsselwort ist Kommunikation zwischen Trainer:in und Sportler:innen, um Themen an- und besprechbar zu machen,

Wie findet ein Trainer den richtigen Umgang?

Ein Konzept, das wissenschaftlich erarbeitet wurde und in den vergangenen Jahren immer stärker bespielt wird, ist das so genannte “Empowerment stärkende Klima““. Dabei geht es darum, im Training ein Klima zu schaffen, in dem sich die Sportler:innen wohlfühlen, ernst genommen  aktiv beteiligt werden. Die Sportler:innen sollen natürlich nicht selbst das ganze Trainingsprogramm schreiben, aber sie können in bestimmte Entscheidung eingebunden werden. Die Kommunikation auf Augenhöhe ist dabei ein ganz wichtiger Faktor.  In skandinavischen Ländern wie Norwegen und Schweden arbeiten bereits weit verbreitet nach diesem Konzept und es steigert die Motivation und Leistung nachweislich.


Könnten Sie das etwas genauer erklären?

Wir hören von Betroffenen ganz oft die Aussagen, dass sie behandelt worden seien, als hätten sie gar keine Rechte oder dürften sich nicht individuell verhalten. „Ihr müsst machen, was ich sage“, ist ein Spruch, der immer wieder genannt wird, oder auch: „Hier zählt nur das, was ich sage.“ Jede*n Sportler:in individuell wahrzunehmen und die individuellen Grenzen jedes Menschen zu respektieren, trägt hingegen viel zu einem positiven Klima und zur Entfaltung individueller Leistungs(potentiale) bei.

Mit dazu gehört beispielsweise auch, dass man den Vergleich von Leistung immer auf eine Person selbst bezieht und nicht auf Teamkolleg:innen oder Konkurrent:innen. Sprich: Die Entwicklung eines Spielers wird mit dem Leistungsstand desselben Spielers vor vier Wochen oder drei Monaten verglichen und nicht mit dem Fortschritt, den ein anderer Spieler gemacht hat.

Der Sport lebt von Emotionen, auch bei Trainer:innen, sodass man mitunter unpassende Worte wählt, ohne den Spieler:innen Gewalt antun zu wollen. Ohne das auch nur im Ansatz rechtfertigen zu wollen: Ist jedes Schimpfwort in einem emotionalen Ausbruch psychische Gewalt?

Wir bekommen oftmals zu hören, dass Trainer:innen Angst haben, falsch beschuldigt zu werden. Nicht jede Äußerung ist sofort psychische Gewalt. Entscheidend sind Kontext, Häufigkeit, Intensität und Wirkung auf die betroffene Person. Es ist wichtig, zwischen einmaligen Situationen sowie gezielten bzw. wiederholten Beleidigungen zu unterscheiden. Athlet:innen und Trainer:innen stehen in einer Beziehung zueinander, sehen sich regelmäßig und verbringen viel Zeit im Training miteinander. Wenn es häufig abwertende Sprüche oder Beleidigungen gibt, die systematisch darauf abzielen eine:n Sportler:in zu entwerten, zu demütigen oder einzuschüchtern und damit Macht auszudrücken, Druck oder Angst zu erzeugen, zählt das zu psychischer Gewalt.

Was kann ich als Trainer machen, damit es nicht aufgrund meiner Unwissenheit soweit kommt?

Wir sind hier wieder bei einem positiven Klima und einer Kommunikation auf Augenhöhe. Ich habe vorhin gesagt, dass es für viele Athlet:innen aufgrund der Strukturen im Sport nicht einfach, sich zu wehren. Umso wichtiger ist es, das Thema ansprechbar zu machen und ein Klima zu schaffen, in dem sich die Sportler:innen und gerade Kinder und Jugendliche trauen, Feedback zu geben und beispielsweise zu sagen: „Ich mag so nicht angesprochen werden.“ So stärken wir Kinder und Jugendliche, ihren Grenzen zu erkennen und auch zu kommunizieren. Ähnliches gilt für Hilfestellungen.

Ein mitunter schwieriges Thema … 

Genau. Da ist die Kommunikation ebenfalls wichtig. Man kann das aber gut vorbereiten, indem man sagt: „Ihr sollt die korrekte Haltung lernen, daher werde ich eventuell das und das korrigieren – ist das in Ordnung?“ Das muss man natürlich nicht jedes Mal wiederholen, aber so ist es ansprechbar und kein Tabu – und dann kann eine Person auch sagen, wenn etwas nicht okay ist oder die Grenze überschreitet.

Abschließend: Sie haben die Anlaufstelle für betroffene Sportler:innen erwähnt. Welche Anlaufstellen gibt es für Handballvereine, die sich intensiver mit der Prävention von Gewalt auseinander setzen wollen?

Es gibt vielfältige Möglichkeiten. Online gibt es Materialien, Schulungsvideos und Handlungsleitfäden oder hier, beispielsweise auch vom Deutschen Handballbund;  sowohl bei den regionalen Stellen als auch bei uns. Unterstützung gibt es auch bei den Landessportbünden und -Sportjugenden  in den verschiedenen Bundesländern. Sie haben sehr viel Erfahrung und Expertise, können Vereine gut beraten und bieten auch Schulungen an. Selbstverständlich kann man sich auch an die Landesfachverbände Handball wenden, die Vereine gerade bei sportartspezifischen Fragestellungen helfen können.

Haben Sie darüber hinaus einen abschließenden Ratschlag?

Wenn ein Vorfall von Gewalt gemeldet wird, ist es entscheidend, transparent und konsequent zu handeln. Das heißt jedoch nicht, dass man den Beschuldigten nicht anhört, sondern dass man den Vorfall untersucht und Informationen zusammenträgt, die dazu beitragen, den Vorfall aufzuklären und dann entsprechende Konsequenzen zieht. Wenn Betroffene merken, dass keine Schritte unternommen werden, verlieren sie das Vertrauen und dann wird nichts mehr gemeldet. Das ist gefährlich, denn dann denkt der Verein, dass alles super ist, weil kein Vorfall gemeldet wird, während die Sportler:innen weiter leiden.

*Hintergrund – die Studien:

Safe Sport Studie

SicherImSport Studie

CASES Studie

„Eine gute Markenbildung ist nicht die Kür, sondern eine Überlebensstrategie des Sports.“ – Interview mit Marco Kehrenberg

„Eine gute Markenbildung ist nicht die Kür, sondern eine Überlebensstrategie des Sports.“ – Interview mit Marco Kehrenberg

„Eine gute Markenbildung ist nicht die Kür, sondern eine Überlebensstrategie des Sports.“ – Interview mit Marco Kehrenberg

29. April 2025| DHTV

Marco Kehrenberg hat früher in der niederländischen Eredivisie – der 1. Liga der Niederlande – Handball gespielt und ist heute als Experte für strategisches Sportmarketing tätig. Er war für verschiedene Projekten rund um Markenstrategie, Sponsoring, Content, Medien und Sichtbarkeit im Sport tätig und will mit der Plattform SPORT IQ Spielern ibei ihrem Markenaufbau unterstützen. Im Interview erklärt Kehrenberg, welchen Mehrwert es für Sportler, aber auch Trainer und Schiedsrichter gibt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – und warum es der Sportart Handball in seiner Gesamtheit helfen würde. 

 

„Eine gute Markenbildung ist die Kür, sondern eine Überlebensstrategie des Sports.“

Marco Kehrenberg hat früher in der niederländischen Eredivisie – der 1. Liga der Niederlande – Handball gespielt und ist heute als Experte für strategisches Sportmarketing tätig. Er war für verschiedene Projekten rund um Markenstrategie, Sponsoring, Content, Medien und Sichtbarkeit im Sport tätig und will mit der Plattform SPORT IQ Spielern ibei ihrem Markenaufbau unterstützen. Im Interview erklärt Kehrenberg, welchen Mehrwert es für Sportler, aber auch Trainer und Schiedsrichter gibt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – und warum es der Sportart Handball in seiner Gesamtheit helfen würde. 

Herr Kehrenberg, warum lohnt es sich, sich als Spieler oder Trainer mit der eigenen Marke zu beschäftigen?

Eine gute Marke kann persönliche Vorteile bringen, aber es hilft – größer betrachtet – auch dem Handballsport an sich, wenn ich mit meiner Marke Aufmerksamkeit auf die Sportart ziehe. Auf persönlicher Ebene kann eine gute Marke den Unterschied machen, ob jemand eine Vertragsverlängerung bekommt oder nicht, ob er oder sie einen neuen Verein oder eigene Sponsoren findet oder ein Abschiedsspiel erhält. 

Und inwiefern hilft die Marke eines Spielers oder Trainer dem Handballsport?

Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie und Handball steht nicht nur in Konkurrenz zu anderen Sportarten, sondern auch zu anderen Unterhaltungsangeboten. Ich habe den Eindruck, dass wir als Handball aktuell zurückliegen – und dann müssten wir im Vergleich eigentlich mehr machen, um den Rückstand aufzuholen, aber das machen wir nicht. Der Fußball und alle neuen Sportformate machen mehr. Am meisten wundert mich, dass wir unsere stärksten Assets – die Spieler – gar nicht einsetzen. Es herrscht größtenteils Funkstille, obwohl sich unsere Sportart immer für ihre Charaktere rühmt.

Machen wir einen Schritt zurück: Was verstehst man überhaupt darunter, als Spieler oder Trainer eine Marke zu sein?

Es geht um Authentizität; darum, die eigenen Werte, die eigenen Prinzipien ebenso optimal wie authentisch nach Außen zu kommunizieren und dafür nicht nur wahrgenommen, sondern auch geschätzt werden. Es geht darum, seine eigene Geschichte zu finden, die man erzählen will.

Wenn wir im Handball immer unsere echten Charaktere betonen, die es in anderen Sportarten nicht gibt, bedeutet aber auch, dass wir dabei Ecken und Kanten zulassen müssen. Ein Beispiel: Silvio Heinevetter hat in seiner Karriere Aktionen gehabt, wo er über die Stränge geschlagen ist, aber das ist ein Teil dessen, was ihn ausmacht – und damit ein Teil seiner Marke, und ein Teil dessen, was auf die Zuschauer und Sponsoren wirkt und was die Aufmerksamkeit der Menschen in den Handball zieht.

Bei welchen Spielern oder Trainern hat genau das – sich als Marke zu platzieren – aus Ihrer Sicht geklappt?

Eins der prominenten Beispiele ist sicherlich Pascal Hens. Er hat es sogar über seine Frisur geschafft, ein Merkmal zu schaffen, das auf seine Marke einzahlt. Mit ihm verbindet man unmittelbar den Irokesenschnitt. Er ist mit seiner Marke sogar aus dem Handball herausgewachsen und hat neue Zielmärkte erschlossen. Das zeigt die Power, die dahinterstecken kann. Es ist natürlich nicht nur der Irokesenschnitt; die ganze Art der Kommunikation war und ist geschickt gemacht.

Im Vorgespräch erwähnten Sie zudem Misha Kaufmann…

Absolut. Misha Kaufmann hat für sich verschiedene Wegen gefunden, nach Außen zu kommunizieren, was ihn ausmacht. Unter Handballkennern gilt er als jemand, der auch mit unüblichen Lösungen auf dem Spielfeld agiert – man denke alleine an den vierten Rückraumspieler, der Aufmerksamkeit zieht und ihn als Experte positioniert. Und das lebt er weiter, indem er auf seinem Instagram-Kanal anderen Trainern Tipps und Tricks vermittelt, zeigt, wie er seine Übungen aufbaut und jeden Monat ein Q&A veranstaltet, wo man ihm Fragen stellen kann.

Mittlerweile hat er rund 30.000 Follower bei Instagram, was deutlich mehr ist als die 17.000 Follower seines aktueller Arbeitergebers ThSV Eisenach sind. Das zeigt, wie viel Sehnsucht es bei Handballfans nach dieser Art von Inhalt und nach Persönlichkeiten gibt, die bereit sind, sich durch Aussagen und ihr Handeln aus der Masse herauszuheben. Menschen folgen nun einmal lieber Menschen und so schafft es Misha Kaufmann ein deutlich größeres Publikum zu erreichen als sein Verein.

Das dürfte aus Vereinssicht vielleicht gar nicht so optimal sein …

Im Gegenteil: Wenn Spieler und Trainer sich kommunikativ so gut entwickeln, dann profitieren am Ende der ganze Verein und der ganze Sport, denn mehr Sichtbarkeit bedeutet mehr Aufmerksamkeit, mehr Fans, mehr Sponsoren. Dafür brauchen diese Personen eine gewisse Art von Rückendeckung; sie dürfen keine Angst vor Fehlern haben. Wenn ein Misha Kaufmann, ein Pascal Hens oder ein Silvio Heinevetter immer den Kopf eingezogen hätten, wären sie nicht da, wo sie heute sind. Christian Zeitz oder Mimi Kraus wären weitere Beispiele für Spieler, die es geschafft hat, sich eine Marke aufzubauen – und als Trainer darf man natürlich den Handball-Professor Rolf Brack nicht vergessen.

All diese Beispiele sind Nationalspieler und Bundesligatrainer. Ist dieses Niveau notwendig, um sich eine Marke aufzubauen?

Die sportliche Leistung hat gar nicht so viel damit zu tun, wie du auf den sozialen Medien wahrgenommen wirst – und teilweise ist das sogar gar nicht das, was gefragt ist. Ein Beispiel: Ein großer Sportartikelhersteller suchte letztes Jahr Markenbotschafter, aber sie wollten ganz bewusst keinen Nationalspieler. Die Voraussetzung waren nur, dass dieser Handballer 10.000 Menschen auf Instagram erreichen kann. Diese Marke erreicht nicht jeder Nationalspieler; dafür eine Zweitligaspielerin wie Josefin Schneiders.

Was folgt daraus?

Es braucht gerade die Breite im Handball, um viel mehr Menschen mit unserer Sportart zu erreichen. Das ein Nationalspieler natürlich viel bessere Voraussetzungen hat, weil er im Spotlight steht, ist klar, aber Josefin Schneiders oder Matteo Menges zeigen, das die Türen offen stehen. Denn Nationalspieler oder Nationaltrainer zu sein, reicht nicht aus – wenn du überhaupt etwas machst, zeigen sich hingegen schnell Effekte.

Moritz Ende hat über zwei Monaten bewusst mehr gemacht und dadurch knapp 5.000 Follower dazu gewonnen – damit liegt er schon auf dem Niveau des ein oder anderen Nationalspielers. Sein Beispiel zeigt, dass solche Inhalte konsumiert werden wollen. Man muss sich trauen – und dann kann man auch aufgrund des mangels an Konkurrenz sehr schnell in Reichweiten vorstoßen, die bei einem durchschnittlichen Nationalspieler liegen. Das wäre im Fußball undenkbar, im Handball ist es jedoch größtenteils ein unbestelltes Feld.

Ein Beispiel aus dem Fußball: Der junge Schiedsrichter Pascal Martin hat sich als QUALLE eine Marke aufgebaut und erreicht mehr Menschen als die Spitzenschiedsrichter.

Genau, das gleiche Prinzip gilt auch für Schiedsrichter. Es sollte sich aktuell jeder im Handball fragen, was er persönlich zum Wachstum unserer Sportart beitragen kann. Nur Dyn, die HBL und der DHB werden unseren Sport nicht auf das nächste Level heben. Es reicht einfach nicht mehr, nur dabei zu sein, jeder muss aktiv werden! Wenn ich von Wachstum rede, meine ich übrigens nicht ausschließlich wirtschaftliche Kennzahlen, sondern es kann auch ein Ziel sein, die Anzahl der Mitglieder, der Spieler, Trainer oder Schiedsrichter, zu erhöhen.

Gerade Schiedsrichter und Trainer im Ehrenamt werden im Handball verzweifelt gesucht …

Es werden seit Jahren enorme Programme aufgefahren, um neue Trainer oder Schiedsrichter zu gewinnen, aber es würde mehr helfen, wenn es einen Trainer oder einen Schiedsrichter gäbe, der authentisch kommuniziert, wie er seinen Weg gegangen ist und welche Vor- und Nachteile sein Amt hat. Jens Vortmann ist beispielsweise eine unglaubliche Chance für das deutsche Schiedsrichterwesen: Ein bekannter Akteur, von seinen Mitspielern und Fans geschätzt, steigt jetzt dort ein! Jens Vortmann kann der Leuchtturm des Schiedsrichterwesens werden, wenn er sich eine gute Kommunikationsstrategie überlegen und umsetzen würde, wie er den Weg zum Bundesligaschiedsrichter bestreiten will. Aber dann lese ich in einem Interview, dass er erstmal gucken will, wie es läuft. So wird das Potenzial dieser Story verschenkt.

Wie meinen Sie das?

Das ist eine Sache, an der wir generell in unserem Sport arbeiten müssen: Die Protagonisten müssten sich große Ziele stecken und bereit sein, die Menschen mitzunehmen. Das ist ein Storytelling, was funktioniert. Sie müssten sich ihrer Rolle bewusst werden, das reflektieren und schauen, wie sie ihre Geschichte erzählen können, damit es den Sport weiterbringt. Es reicht nicht, wenn alle den Kopf einziehen und sich darauf verlassen, dass Verband, Liga oder ein Medium wie Dyn es schon richten wird.

Sie sprechen sehr viel von Followern und Sozialen Medien. Geht es heute nur noch so? Oder, anders gefragt: Kann man sich eine Marke ohne Soziale Medien aufbauen?

Es geht nicht nur um riesige Followerschaft, man kann auch auf eine andere Art und Weise Botschafter für seinen Sport sein. Andrea Petkovic aus dem Tennis beispielsweise kommt mir nicht als Erstes in den Sinn, wenn ich an eine große Followerschaft bei Instagram denke, aber sie hat ihre eigenen Kanäle gefunden. Sie hat schon während ihrer aktiven Karriere Kolumnen für Tageszeitungen geschrieben – und das nicht nur zu Tennisthemen, sondern auch zu Popkultur und Gesellschaft. So hat sie sich eine gewisse Reputation erarbeitet, was wiederum dazu geführt hat, dass sie schon während ihrer Karriere als Expertin angefragt wurde. Ein anderes Beispiel ist der Fußballer Christoph Kramer, der seit Wochen mit seinem Debütroman oben in der Bestsellerliste steht. Sportler sind eben nicht nur Sportler! Wir sollten durchaus alle Akteure im Handball ermutigen, auch neue Wege zu gehen und sich nicht nur das klassische Instagram-, Facebook- oder Tiktokprofil anzulegen, sondern zu schauen, was geht. 

Was würden Sie sagen, wenn von Vereinen oder Verbänden die Sorge geäußert wird, dass so ein Markenaufbau eine Ablenkung vom eigentlichen Ziel – dem sportlichen Erfolg als Spieler, Trainer oder Schiedsrichter – ist?

So eine Haltung ist zu kurzfristig gedacht. Ich würde mir vielmehr wünschen, dass wir Spieler und Trainer ermutigen, sich auszuprobieren und jedes zarte Kommunikationspflänzchen zu unterstützen, denn letztendlich profitieren eben alle im Handball davon, wenn Spieler, Trainer oder Schiedsrichter eine Marke aufbauen, denn es hilft – ich sagte es bereits – mehr Sichtbarkeit zu generieren und dadurch neue Sponsoren in die Sportart zu ziehen. Und nur so gelingt es, Vereine wachsen zu lassen, die langfristige sportliche Entwicklung zu verbessern und den Sport voranzutreiben.

Wir müssen verstehen, dass eine gute Kommunikation und Markenbildung nicht die Kür sind, die man macht, wenn man Zeit neben dem Handball findet, sondern durchaus eine Überlebensstrategie des Sports. Die Baller League und die Icon League basieren nicht auf dem sportlichen Geschehen, sondern es sind Kommunikationskanäle, die genutzt werden, um an die junge Zielgruppe heranzukommen. Sie haben, obwohl oder gerade weil es nicht primär um den Sport geht, ein Vielfaches der Reichweite, die die sportlich hochwertige DAIKIN HBL bekommt. Wir können eigentlich nur neidvoll auf diese Wachstumszahlen schauen. Wenn wir uns im Handball nur auf das Sportliche konzentrieren, wird das noch einige Zeit gutgehen, aber so entwickelt man keine Sportart und auch keinen einzelnen Verein langfristig weiter.

Dass sich Vereine als Marke sehen, ist durchgedrungen, wie man beispielsweise bei den Galliern von der Alb sieht. Was wäre der erste Schritt, den Sie für Spieler oder Trainer empfehlen können, die eine Marke aufbauen wollen?

Ein Blick zuerst auf die Vereine: Bei Vereinen hat es sich tatsächlich schon vor einem guten Jahrzehnt etabliert, das jeder einen Markennamen zum Leben erwecken will. Das hat mehr oder weniger gut funktioniert. Inzwischen fragen sich die Vereine im nächsten Schritt, wofür sie aktuell stehen und wofür sie in der Zukunft stehen wollen. Die Füchse Berlin haben sich beispielsweise auf die Fahnen geschrieben, der nachhaltigste Handballverein der Welt werden zu wollen und sie sind sehr gut damit gefahren, weil sie damit neue Sponsoren angezogen haben, die sich für genau das Thema interessieren. Das gilt ähnlich für Spieler.

Inwiefern?

Vereinfacht gesagt: Du ziehst in der Regel das Publikum an, das zu deiner Geschichte passt. Dazu gehört aber im ersten Schritt, dass du dir selbst erstmal im Klaren sein musst, was deine Werte und Prinzipien sind und was deine Story ist, die du den Leuten dort draußen vermitteln möchte. Dafür ist viel Reflexion notwendig, weil  ein Verständnis für die eigene Rolle unabdingbar ist. Genau an diesem Punkt setzt mein neues Projekt SPORT IQ an, wo ich solche Fragen mit Spielern durchgehe. Was bin ich für ein Mensch? Wie positioniere ich mich? Wie kommuniziere ich entsprechend zu meinen Werten und Prinzipien; ohne, dass ich mich verstellen muss oder nach außen ein gekünsteltes Bild vermittele?

Und für Trainer?

Dort sehe ich das genauso. Im Fußball gelingt es im Trainerbereich bereits viel besser, sich eine Marke aufzubauen. Felix Magath wurde beim VfL Wolfsburg zu Quälix; das vermittelte sofort ein bestimmtes Gefühl und damit war er sehr erfolgreich, weil die Menschen mit ihm sofort etwas verbunden haben. Irgendwann hat es sich allerdings abgenutzt, was zeigt, dass du dich aktiv um deine Marke kümmern musst. Es reicht nicht, sich einmal ein bestimmtes Image zu erarbeiten, um jahrzehntelang erfolgreich zu sein.

Da Trainer in der Regel deutlich länger im Geschäft sind als Spieler, ist es für sie umso wichtiger. Es ist ein aktives Geschehen, die Marke zu formen, zu beleben und weiterzuentwickeln. Da gibt es im Handball nicht so viele Charaktere, denen das gelungen ist. Stefan Kretzschmar ist sicherlich einer, der es geschafft hat, ansonsten fallen mir nicht viele gelungene Beispiele ein. Ich kann mich nur wiederholen: Wir brauchen im Handball mehr Charaktere, die bereit sind, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich in der Öffentlichkeit zu positionieren.

Einem Misha Kaufmann wird es definitiv geholfen haben, dass er nicht als der normale Trainer wahrgenommen wurde, sondern neue Dinge ausprobiert hat. Andere Trainer sind ebenso lange in der Bundesliga wie er, aber bei ihnen fällt mir nicht viel ein, wofür sie stehen – und ich habe nicht den Eindruck, dass die Fans auf die Barrikaden gehen würden, wenn diese Trainer sich mit Verein verkrachen. Das ist nur möglich, wenn du es schaffst, als jemand wahrgenommen zu werden, der authentisch ist.