„Wir sitzen am Ende des Tages alle in einem Boot.“ – Interview mit Thore Poguntke

„Wir sitzen am Ende des Tages alle in einem Boot.“ – Interview mit Thore Poguntke

„Wir sitzen am Ende des Tages alle in einem Boot.“ – Interview mit Thore Poguntke

11. Februar 2026| Marc Fasthoff

Thore Poguntke (38) pfiff selbst bis 2018 in der 3. Liga, wurde Schiedsrichter-Coach und ist jetzt Leiter des Schiedsrichter-Ausschusses der 3. Liga des Deutschen Handballbundes. Im Interview spricht er über den Umgang zwischen Trainern und Schiedsrichtern – und worauf es für ein gutes Miteinander ankommt.

 

Thore, die DHTV unterstützt seit über zehn Jahren die Fortbildungsreihe „Gemeinsam statt einsam, bei der Trainer und Schiedsrichter gemeinsam lernen. Abseits diesen Rahmens: Wie funktioniert aus Sicht des Schiedsrichterwesens das gemeinsame Arbeiten im Alltag – sprich am Spieltag – miteinander?

Es ist eine Frage des Mindsets, wie man an die Sache herangeht. Aus meiner Sicht ist der entscheidende Punkt, dass Schiedsrichter und Trainer am Ende des Tages im gleichen Boot sitzen; wie übrigens Zuschauer und Spieler auch. Wir wollen alle einen attraktiven Handball sehen und deswegen ist es total wichtig, ein gutes Miteinander zu gestalten. Das ist eine unserer Aufgaben als Schiedsrichter – wenngleich jeder dabei natürlich ein Stückweit auch seine Rolle wahrnehmen muss, das gehört auch zur Wahrheit dazu.

Inwiefern?

Trainer wollen das Spiel gewinnen,  Schiedsrichter wollen das Spiel regelgerecht über die Bühne bekommen. Diese unterschiedlichen Interessen sind Fakt und deswegen ist es total wichtig, sich bewusst zu sein, in welcher Rolle man steckt. Kritik ist in der Regel in keine Richtung persönlich, sondern hat mit der Rolle zu tun. Ich finde es außerdem total wichtig, zu verstehen, warum der andere so reagiert wie er reagiert.

Wie gelingt das aus deiner Sicht?

Das Reflektieren von Leistung hat einen großen Anteil. Ebenso, wie sich Trainer und auch Schiedsrichter auf ein Spiel, vorbereiten, sollte es nach dem Spiel dazugehören, sich zu reflektieren. Als Schiedsrichter kann man die Trainer dafür auch mal in die Kabine holen und um Feedback bitten. Das bedeutet manchmal sicherlich, dass man auch harte Kritik bekommt, aber das Entscheidende ist das Gespräch. Es ist okay, nicht einer Meinung zu sein, aber vorher noch einmal einen intensiven Blick auf das Spiel und die Leistung zu werfen, schadet nicht, denn vielleicht hat man doch etwas nicht gesehen. Ich bin daher ein großer Freund davon, einen Austausch mit den Trainern zu schaffen, das ist wertvoll – ob nach dem Spiel oder vielleicht auch mit etwas Abstand. Wir hatten zu unserem Sommerlehrgang der 3. Liga beispielsweise Jari Lemke eingeladen.

Was versteht man aus Schiedsrichter-Sicht unter einem guten Miteinander, das du eben ja schon beiläufig erwähnt hast? Eure Perspektive als Schiedsrichter mag sich ja durchaus unterscheiden zur Auffassung der Trainer von einem guten Miteinander.

Da wir unterschiedliche Interessen haben, ist das sicherlich so. Zum guten Miteinander gehört, dass ich als Schiedsrichter weiß, wer als Trainer mein Ansprechpartner ist. Es darf auch dazugehören, dass man einen kurzen Smalltalk führt, aber mit einem ausgewogenen Verhältnis zu beiden Seiten. Es sieht schlecht aus, wenn man mit einem Trainer 30 Sekunden und mit dem anderen 30 Minuten spricht. Den ersten Eindruck hat man kein zweites Mal. Und wenn man weiß, dass der Trainer gerade zur Diskussion steht, sollte man nicht fragen, wie es läuft (schmunzelt).

Und ein gutes Miteinander während des Spiels?

Im Spiel geht es in erster Linie darum, dafür zu sorgen, seine Aufgabe wahrzunehmen – und wenn Grenzen überschritten werden, das Spiel zurück in die erlaubten Bahnen zu lenken. Es ist geschickt als Schiedsrichter, an der ein oder anderen Stelle eine Entscheidung zu erklären – nicht im laufenden Spiel, da wollen wir uns konzentrieren, aber ein kurzer Hinweis in passender Situation hilft. So kann ein Trainer das Verhalten ggf. korrigieren – nicht einmal unbedingt das Verhalten von sich, sondern auch von seinen Spielern, damit dasselbe Fehlverhalten nicht noch einmal gepfiffen werden muss.

Wo ist die Grenze im Umgang miteinander – gerade, wenn man im Landesverband eventuell seit Jahren kennt?

Wir werden niemandem verbieten können, sich zur Begrüßung zu umarmen, aber ich rate nicht dazu (lacht). Wenn die andere Seite das sieht, macht es immer einen schlechten Eindruck; da müssen sich beide Seiten über ihre Rolle bewusst sein. Das Gespräch mit dem Trainer vor dem Spiel ist und bleibt ein Smalltalk und während des Spiels gibt es maximal kurze Hinweise. Es ist unter dem Gesichtspunkt der Voreingenommenheit fatal, wenn man sich zu intensiv austauscht. Nach dem Spiel kann man sich dann, wenn Bedarf besteht, auch intensiver unterhalten. Der Austausch in der Kabine ist sehr wertvoll, das ist eine gut investierte Zeit, weil besser versteht, warum eine Entscheidung so getroffen wurde.

Das klingt alles sehr … vorsichtig.

Ich halte das in gewisser Weise auch für einen Eigenschutz. Ich habe selbst lange gepfiffen und irgendwann in den Hallen viele Menschen gekannt. Mir war es aber für meinen eigenen Schutz und für meine Rolle richtig zu zeigen. Ich bin heute als derjenige hier, der unparteiisch ist. Das ist meine Aufgabe, für die ich angesetzt bin. Ein Gespräch kann jedoch auch ein geschicktes Mittel sein, mit dem der Trainer versucht, einen Schiedsrichter so ein bisschen auf seine Seite zu ziehen; da müssen wir als Schiedsrichter drauf achten.

Was sind im Spiel die Grenzen der Schiedsrichter?

Das ist natürlich ein Stückweit individuell, aber es gibt aber ein paar allgemein gültige rote Linien wie Beleidigungen beispielsweise. Es muss auch jedem Trainer klar sein, dass mit abfälligen Gesten eine Grenze überschritten wird – damit zeige ich ja ebenso öffentlichkeitswirksam wie despektierlich, dass ich mit dem, was der Schiedsrichter tut, nicht einverstanden bin. Das ist ein Punkt, den wir von der Bundesliga angefangen bis in die Landesverbände hinein nicht wollen und den im Umkehrschluss auch Trainer im Umgang mit sich nicht wollen: Ein arroganter, herablassender, einfach schlechter Umgang. Wenn der Schiedsrichter so handelt, ist das Geschrei groß. Daher muss es beidseitig die Aufgabe sein, für einen respektvollen Umgang zu werben. Es gehören Emotionen dazu, das macht unseren Sport aus, aber der respektvolle Umgang ist genauso ein Teil unseres Sports. Kritik kann ich als Trainer nach dem Spiel äußern, wenn die Emotionen abgekühlt sind. Das ist als Anstoß auch sehr viel sinnvoller für die Weiterentwicklung der Schiedsrichter als es auf dem Feld zu eskalieren.

Warum ist das ein Punkt, der dir so am Herzen liegt?

Gesten sind immer das, was alle sehen. Das muss klar sein. In einem Gespräch kann man auch mal den falschen Ton treffen, das wird sich nicht verhindern lassen, aber in dem Moment, wo ich außenwirksam Gesten setze oder den Schiedsrichter anschreie, bringt es mir definitiv keinen Nutzen. Als Trainer will ich damit keine Kommunikation mehr betreiben, sondern Wut rauslassen. Ich bin daher ein Freund des gesprochenen Wortes, das kann im Gegensatz zu Gesten und Geschrei helfen.

Was wäre abgesehen von der respektvollen Umgangsform ein Ratschlag an Schiedsrichter, wie sie zu einem guten Miteinander beitragen können?

Sich bewusst zu sein, welche Reaktion in welcher Situation angemessen ist. Da spricht man auch gerne von dem berühmten Fingerspitzengefühl. Der Gegenüber nimmt Dinge immer sehr unterschiedlich wahr und deswegen sollte man überlegen: Was hilft an dieser Stelle jetzt? Manchmal bedarf es einen strengen Blickes, manchmal kann aber auch geschickt eingesetztes Lächeln im richtigen Moment eher zur Deeskalation beitragen.

Was ist deine Einschätzung: Wie ist die Entwicklung im Verhältnis von Trainern und Schiedsrichtern in den vergangenen Jahren gewesen?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten, weil sehr unterschiedlich mit dem Schiedsrichterwesen bzw. unseren Schiedsrichtern agiert wird. Das zeigt sich in der 3. Liga alleine an den Rückmeldungen, die wir aus den Vereinen bekommen: Einige geben sich unheimlich viel Mühe und das hilft den Schiedsrichtern zu reflektieren, wie ihre Leistung und ihre Entscheidungen bei den Vereinen ankommt. Andere beschränken ihre Rückmeldung auf das Minimum, sie nutzen die Möglichkeit des Dialogs nicht aus – und dann gibt es Vereine, deren Rückmeldungen überhaupt nicht helfen, weil sie an der Sache total vorbei gehen. Das ist schade, denn um die Brücke zum Anfang zu schlagen: Wir sitzen am Ende des Tages alle in einem Boot. Wir kämpfen alle um einen attraktiven Handball und dafür müssen wir uns gut miteinander reflektieren, damit beide Seiten davon lernen können und wir uns weiterentwickeln.

Das war jetzt eine sehr sachliche Antwort. Wie ist das auf der emotionalen bzw. persönlichen Ebene? Auf Social Media gibt es immer wieder Kommentare unter der Gürtellinie, auch von den Zuschauern müssen sich Schiedsrichter oft unsachliche Kommentare anhören. Wie ist das im Umgang mit den Trainern? 

Das ist immer abhängig von den handelnden Personen und ihrer Interaktion miteinander. Das war vor zehn Jahren schon so und das wird auch in zehn Jahren noch der Fall sein. Ich werbe gerne dafür, gemeinschaftlich zu agieren – und das beidseitig. Als Schiedsrichter muss ich natürlich regeltechnisch Entscheidungen treffen, aber abseits des Spielfeldes die Interessen und Meinungen von Mannschaften und Vereinen respektieren.

Sprich: Es ist die Eigenverantwortung von jedem Schiedsrichter und jedem Trainer selbst, dass man „sein“ gemeinsames Spiel möglichst gut zustande bekommt?

Ich hoffe, dass genau das der Anspruch ist – egal, ob man als Trainer oder Schiedsrichter. aktiv ist. Wenn ich für die 3. Liga sprechen darf: Die 3. Liga ist in den letzten zehn Jahren so stark gewachsen wie noch nie und der Druck hat  zugenommen, weil sich die wirtschaftlichen Verhältnisse extrem weiterentwickelt haben. Das spürt man auf den Bänken und darauf müssen unsere Schiedsrichter vorbereitet sein. Das passt zu dem Leitspruch, den ich seit meiner aktiven Karriere verfolge: In jedes Spiel vorbereitet, aber nie voreingenommen reingehen.

Viele Schiedsrichter an der Basis sind parallel als Spieler oder Trainer unterwegs bzw. Spieler und Trainer sind in den Landesverbänden parallel Schiedsrichter. Inwiefern hilft es, mitunter die andere Perspektive einzunehmen bzw. beide Seiten zu kennen?

Das hilft total, weil es das eigene Verständnis für die andere „Seite“ schärft. Wir haben als Schiedsrichter den regeltechnischen Rahmen, in dem wir uns bewegen, aber die Herausforderungen als Trainer zu kennen, ist total wertvoll. Ich kann mich nur wiederholen: Wir sitzen in einem Boot und das muss jedem klar sein!

DHTV unterstützt längstes Handballspiel der Welt

DHTV unterstützt längstes Handballspiel der Welt

DHTV unterstützt längstes Handballspiel der Welt

5. Februar 2026| Marc Fasthoff

72 Stunden Handball nonstop: Die Deutsche Handball Trainer Vereinigung (DHTV) e.V. unterstützt den Weltrekordversuch für das längste Handball-Spiel der Welt. Für das Event, das der Hamburger Traditionsverein T.H.-Eilbeck im Mai 2026 ausrichtet, stellt die DHTV unter anderem verschiedene Materialien zur Verfügung. 

„Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung der Deutschen Handball Trainer Vereinigung“, sagt Phil Gelhard aus dem Orga-Team des T.H.-Eilbeck. „Unser 72-Stunden-Spiel soll ein großes Handball-Fest für alle werden, für das wir neben der tatkräftigen Unterstützung unserer Volunteers natürlich auch eine gewisse Ausstattung brauchen. Es war ein toller Austausch mit der DHTV und wir freuen uns riesig über die gezielte Hilfestellung.“ 

„Wir unterstützen seit Jahren zahlreiche Werbeaktionen im Handball und stellen Kitas, Kindergärten und Grundschulen ebenso wie Vereinen oder Verbänden verschiedene Materialien – ob Leibchen, Bälle, Pfeifen oder Trainingsequipment – zur Verfügung“, sagt Ortwin Gilcher, Vorstand Finanzen/Mitgliederbetreuung. „Die Engagierten in den Vereinen und Verbänden leisten eine tolle Arbeit und wir wollen immer unbürokratisch dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird und es einen Mehrwert für unsere Sportart und ihren Nachwuchs schafft. Eine Aktion wie der Weltrekordversuch tut der Außendarstellung des Handballs gut und daher unterstützen wir das 72-Stunden-Spiel natürlich gerne.“ 

Der Weltrekordversuch für das längste Handball-Spiel der Welt findet vom 22. bis 25. Mai 2026 in der Sporthalle Wandsbek (Rüterstraße 75, 22041 Hamburg) statt. Ausrichter ist der T.H.-Eilbeck. Neben den Handballer:innen des Hamburger Traditionsvereins und den Athlet:innen des Kooperationspartners Freiwurf Hamburg e.V. können auch Gäste aus anderen Vereinen teilnehmen. Die Anmeldung startet am 11. Februar 2026 – genau 100 Tage vor dem Anwurf – und wird ausschließlich online möglich sein. 

Alle Informationen gibt es unter https://weltrekord-theilbeck.de/

Trainerfortbildung: Handball ist spannend – für klein und groß!

Trainerfortbildung: Handball ist spannend – für klein und groß!

Trainerfortbildung: Handball ist spannend – für klein und groß!

4. Februar 2026| Marc Fasthoff

Der Handball-Verband Brandenburg, die Deutsche Handball-Trainer-Vereinigung und der 1. VfL Potsdam laden zu einem gemeinsamen Workshop unter dem Titel „Handball ist spannend – für klein und groß!“ ein.

Die Fortbildung richtet sich an Trainerinnen und Trainer im Kinder-, Jugend- und Seniorenhandball und bietet praxisnahe Inhalte für die tägliche Trainingsarbeit.

Der Workshop findet am Freitag, 27.03.2026, von 16:30 Uhr bis 21:00 Uhr (5 Unterrichtseinheiten) in der Ballspielhalle am Luftschiffhafen in Potsdam statt.

Als Referenten sind Anton PackPascal Engelmann und Alexander Haase (EHF Mastercoach) im Einsatz. Thematisch stehen unter anderem das individuelle Angriffsspiel in Verbindung mit Athletiktraining, der Einsatz von Team-Time-Outs sowie Entscheidungstraining in allen Spielphasen im Fokus.

Die Teilnahmegebühr beträgt 59,00 € inklusive Verpflegung.
Die Anmeldung ist bis zum 25.03.2026 über nuLiga oder per E-Mail an info@hvbrandenburg.de möglich. Für die Fortbildung werden 5 UE zur Verlängerung der B- und C-Trainerlizenz anerkannt.

60min Live in Kiel – mit der DHTV beim Derby aller Derbys hautnah dabei!

60min Live in Kiel – mit der DHTV beim Derby aller Derbys hautnah dabei!

60min Live in Kiel – mit der DHTV beim Derby aller Derbys hautnah dabei!

4. Februar 2026| Marc Fasthoff

60min Live in Kiel – mit der DHTV beim Derby aller Derbys hautnah dabei!

Die Deutsche Handballtrainer Vereinigung (DHTV) lädt herzlich zur nächsten Ausgabe von „60min Live“ ein – und dieses Mal wartet ein echtes Highlight auf alle Trainerinnen und Trainer sowie Handballbegeisterte: das traditionsreiche Nordderby THW Kiel vs. SG Flensburg-Handewitt in der EHF European League.

Am Dienstag, den 10. März 2026, treffen sich zwei der größten Namen des deutschen und europäischen Handballs in der Wunderino Arena Kiel.  Anpfiff ist um 20:45 Uhr – beste Voraussetzungen für einen intensiven Handballabend auf höchstem Niveau.

Trainertreff vor dem Spiel:

Bereits vor dem Anwurf bietet die DHTV einen exklusiven Trainertreff an. Um 18:00 Uhr treffen sich die Teilnehmenden im Hampton by Hilton Kiel (Lobby des Hotels) und danach besteht Gelegenheit zum Austausch, Netzwerken und zur fachlichen Einstimmung auf das Derby. In entspannter Atmosphäre können Erfahrungen geteilt, Kontakte geknüpft und aktuelle Themen aus Training und Spielpraxis diskutiert werden.

Lernen von den Besten:

„60min Live“ steht für unmittelbare Einblicke in Spitzenhandball: Taktik, Coaching, Emotionen und Spielsteuerung – alles live erlebbar. Gerade ein Derby dieser Klasse bietet einzigartige Lernmomente für Trainerinnen und Trainer aller Leistungsstufen.

Die Teilnahme ist nur mit vorheriger Anmeldung möglich.  Die Teilnahme ist für DHTV-ler frei – für Nichtmitglieder beträgt der Unkostenbeitrag 30,00€. Anmeldung per Mail an: kontakt@dhtv.de

Wir freuen uns auf einen spannenden Abend, intensive Gespräche und ein Derby, das seinem Ruf als „Derby aller Derbys“ gerecht wird.

Eure DHTV

„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

13. Januar 2026| Marc Fasthoff

Vanja Radić ist diplomierter Sportlehrer, A-Lizenz-Inhaber und EHF Master-Coach. Aktuell trainiert der 40-Jährige den Männer-Zweitligisten Dessau-Roßlauer HV. 2022 erschien sein Buch „Handball TAKT: Moderne Methoden für spielnahes Training. Im Interview spricht Radić über die „Vertrauensfalle“, in die auch er selbst als Trainer immer wieder tappt und verrät, wie er versucht, diese zu umgehen … 

 

Vanja, als Trainer hat man bis zu 16 Spieler auf der Bank sitzen, aber nur sieben Spieler können gleichzeitig spielen. Inwiefern gibt es überhaupt eine richtige Aufstellung?

Es ist das höchste Ziel jedes Trainers, die beste Aufstellung zu finden. Ich glaube jedoch, dass jeder Trainer – von den Minis bis zu den ganz großen Profis in der Champions League – dabei immer wieder zu leicht in die „Vertrauensfalle“ tappt.

Was verstehst du unter einer Vertrauensfalle?

Die Vertrauensfalle beschreibt eine Situation, in der Trainer über längere Zeit starkes Vertrauen in einen bestimmten Spieler auf einer Position entwickeln. Dieses verfestigte Vertrauen führt dazu, dass Alternativen kaum Einsatzzeiten erhalten und – wenn sie spielen – unter höherem Druck und mit ungleicher Erwartungshaltung bewertet werden. Fehler des Ersatzspielers wiegen schwerer, während Leistungen des Stammspielers eher geschützt werden. Dadurch entsteht schrittweise Misstrauen zwischen Trainer und Spielern sowie innerhalb der Mannschaft, was die Entwicklung, Leistungsfähigkeit und den Teamzusammenhalt negativ beeinflussen kann.

Es gibt aber nun einmal Spieler, die besser sind als andere – das ist Fakt, oder?

Wenn eine Aufstellung gut funktioniert, lässt ein Trainer oft immer wieder diese Aufstellung anfangen. Das stimmt, aber das ändert nichts an der Vertrauensfalle. Irgendwann muss ich wechseln, weil einer meiner sechs Spieler müde ist oder sich verletzt hat oder eine rote Karte bekommt. Und wen habe ich auf der Bank, um ihn einzuwechseln? Einen Spieler, der kalt und unsicher ist, weil er mein Vertrauen vorher nicht gespürt hat. Er kommt rein und macht einen Fehler und sofort kommt eine Korrektur. Der Kapitän hat zu diesem Zeitpunkt schon drei oder vier Fehler gemacht – ohne Korrektur. Und der eingewechselte Spieler macht jetzt wieder einen Fehler oder verwirft – und dann wechselt man ihn wieder aus und sieht sich bestätigt, warum er vorher nicht gespielt hat. Und der Spieler, der vielleicht keine erfolgreiche Aktion hatte, ist in einem noch größeren Loch begraben und so geht die Spirale weiter.

Du sagst also, als Trainer vertraut man zu oft nur den gleichen Spielern – oder zu wenig seinem ganzen Kader?

Ich habe mich selbst schon bei dem Denken ertappt, das fand ich nicht schön. Und ich bin sicher, mit dieser Vertrauensfalle kämpfen alle Trainer – und durch den Leistungsdruck wird die Vertrauensfalle meistens größer. Bitte nicht falsch verstehen: Wir schenken in der Saison niemandem Spielzeit, weil wir ihn toll finden. Es ist ein Leistungssport, aber wenn deine ersten sechs Spieler nicht funktionieren, müssen die anderen eine ehrliche Chance erhalten, es gut zu machen. Und das können sie nur, wenn wir ihnen vorher schon vermitteln, dass wir ihnen vertrauen.

Wie meinst du das?

Man muss sich eine Sache immer vor Augen führen, die ich eben schon erwähnt habe: Spieler Y kommt von der Bank und macht einen Fehler, aber Spieler A hat zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich schon genauso viele Fehler oder mehr gemacht, aber das bemerken wir nicht auf die gleiche Weise. Das ist die Vertrauensfalle: Während wir bei Spieler A daran glauben, dass er das schon regelt, gehen wir bei Spieler Y davon aus, das es nichts wird – und dann wird es eben auch nichts. Es ist sehr wichtig, aus diesem Denken rauszukommen, denn als Trainer ist es meine Aufgabe, dem Spieler zu helfen. Wenn ich einen Spieler mental zerstöre, weil ich kein Vertrauen zu ihm habe, dann hat die Mannschaft das auch nicht, aber wie soll es laufen, wenn dieser Spieler muss, wenn sich der Kapitän verletzt?

Vermutlich wird das nicht funktionieren…

Interessanterweise habe ich hin und wieder erlebt, dass es genau andersherum ist. Ein Spieler, mit dem man vorher unzufrieden war, der seine Leistung nicht zeigen kann, muss nach einer Verletzung reinkommen – und plötzlich kann er wieder Handball spielen. Oder wenn die Entscheidung gefallen ist, seinen Vertrag nicht zu verlängern, fängt der Spieler auf einmal an, gut zu spielen. Statt der durch fehlendes Vertrauen angespannten Beziehung zwischen Trainer und Spieler herrscht ein „Jetzt ist es auch egal“-Modus beim Spieler und das führt zu einer neuen Lockerheit. Das ist aber immer ein Risiko und darauf kann ich als Trainer schlecht bauen. Daher: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen wir, dass wir in dieser Vertrauensfalle stecken. Und das tut dem Spieler, der Mannschaft und auch dem Trainer selbst nicht gut, weil so ein festgefahrenes Denkmuster einen einschränkt.

Was wäre deine Schlussfolgerung aus diesen Gedanken zur Vertrauensfalle?

Es ist eine hohe Kunst, aus dieser Falle rauszukommen, aber es lohnt sich, denn sie ist nicht gut für das Mannschaftsklima und nicht immer erfolgsversprechend. Wir müssen uns fragen: Wie managen wir es, dass wir allen Spielern Vertrauen vermitteln? Man hat die Spieler ja geholt, weil sie Qualitäten mitbringen – und wenn sie unter einem nicht gut spielen, sollte man das hinterfragen. Ich sage: Alle Spieler brauchen die gleiche Aufmerksamkeit und die gleiche Chancen. Und der Grundstein wird immer in der Vorbereitung gelegt, weil man dort Vertrauen aufbaut.

Was ist dein Rezept für die Praxis? Denn dass es unterschiedliche Rollen in der Mannschaft gibt – Kapitän, Leistungsträger, Youngster – ist normal – ebenso wie auch die Spieler eine bestimmte Erwartung haben, wer in der Startaufstellung steht.

Wir haben eine einfache Lösung gefunden: Wir haben in der Vorbereitung alle Spiele so gestaltet, dass eine Aufstellung mit sechs Feldspielern eine Viertelstunde gespielt hat – und dann hat eine andere Aufstellung aus sechs anderen Feldspielern eine Viertelstunde gespielt. Und in der zweiten Halbzeit haben wir dann getauscht. Jeder Spieler wusste: Ich spiele diese 15 Minuten; egal, was passiert und da muss ich jetzt durch. Jeder hatte eine Verantwortung und zugleich die Sicherheit, dass er auch nicht ausgewechselt wird, wenn er Fehler macht. Nach und nach haben wir dann Spielzeiten punktuell vergrößert, aber wir haben immer Aufstellungen getauscht. Ich war am Ende der Vorbereitung begeistert von diesem Modell, weil so alle Spieler Vertrauen gespürt haben und sich zeigen konnten.

Das klingt … unorthodox

Wir sind weggegangen von dem Gedanken, dass eine Mannschaft in der Vorbereitungsphase Siege für viel Selbstvertrauen braucht, um gut in die Saison zu starten. Wir haben es mit unserem Modell geschafft, sehr viel positive Dinge rauszuholen und uns breit aufzustellen. Dadurch ist ein großer Konkurrenzkampf entstanden, aber es ist ein sehr positiver Konkurrenzkampf. Jeder Spieler ist ein kleinerer oder größerer Egoist, das gehört zum Menschsein, aber die Spieler haben es sich gegenseitig gegönnt und haben versucht, mit der eigenen Leistung zu überzeugen, weil sie wussten: Jeder kann sich zeigen. Jeder bekommt eine Chance. Wir sind damit sehr gut gefahren, das beste Beispiel ist unser Torwartduo.

Inwiefern?

Philip Ambrosius ist über 30 Jahre alt und gehört in der 2. Bundesliga zu den besten Torhütern der Liga. Er ist ein markantes Gesicht, man verbindet Dessau mit ihm. Janik Patzwaldt bildet mit ihm ein Team, er ist erst 24. Die beiden haben sich auch menschlich gefunden, es passt zwischen ihnen, und wir machen es so: Ambrosius fängt alle Heimspiele an, Patzwaldt alle Auswärtsspiele. Das ist richtig, richtig gut. Wir haben das die Hinrunde durchgezogen, das war sehr positiv für die Entwicklung von beiden Jungs und ist auch sehr positiv von der Mannschaft aufgenommen worden.

Auch das klingt eher ungewöhnlich …

Jeder Torwart hatte eine klare Aufgabe und wir wussten: Wenn einer ausfällt, wird der andere funktionieren, denn er spürt ja das gleiche Vertrauen. Wenn wir immer nur mit Ambrosius als erfahrenem Torwart angefangen würden und Patzwaldt sitzt zwei Jahre auf der Bank, wissen wir nicht, was passiert, wenn Ambrosius sich verletzt. Die Situation jetzt hat beiden den Ansporn gegeben, mehr zu machen. Es war der Deal, dass sich einer auch den zweiten Startplatz erarbeiten kann, wenn er es schafft, zu dominieren, aber dazu kam es nicht. Wenn einer mal nicht performt, wechseln wir natürlich im Spiel, aber dass einer zwei oder drei Spiele gar nicht performt, hatten wir nicht – und darüber bin ich sehr froh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es geht eigentlich gar nicht darum, welche sieben Spieler am Anfang spielen, sondern allen Spielern sein Vertrauen zu zeigen, damit man auch wirklich 16 Spieler zur Auswahl hat, die ihre Leistung bringen können?

Man gewinnt nicht jedes Spiel nur mit den besten Spielern auf dem Feld. Es gehört so viel dazu, weil die Sportart so komplex ist. Du kannst dir so viele Gedanken machen, wie du willst und alles versuchen, aber am Ende entscheidet ein Wurf, der gegen den Pfosten geht, ob das Spiel gut oder schlecht ausgeht. Du brauchst auch manchmal einfach Glück.

Worauf kommt es generell im Umgang mit den Spielern – mit Blick auf das Thema Aufstellung bzw. Einsatzzeiten – an?

Als Trainer verbringen wir so viel Zeit in der Halle mit den Jungs – und wenn eine komische Stimmung herrscht, weil Spieler unzufrieden sind, fand ich persönlich das immer anstrengend. Wenn jeder aber weiß, warum er gerade nicht spielt oder der andere mehr spielt oder was für Chancen er bekommen wird, ist das gut. Als Trainer muss man dabei aber die Wahrheit sagen und darf keine Angst vor einem offenen und ehrlichen Gespräch haben. Es kostet Energie, sich immer wieder mit den Spielern, ihren Ansprüchen und den Problemen auseinanderzusetzen, aber man muss bereit sein, sich auf solche Gespräche einzulassen.

Du arbeitest mit Profispielern, die du oft selbst verpflichtet hast. Trainer im Amateurbereich haben diesen Luxus nicht immer, sondern müssen mit den Spielern arbeiten, die da sind, die in die Umgebung ziehen oder einfach schon ewig im Verein sind. Was ändert das?

Das kann natürlich zu gewissen Schwankungen in der Leistungsdichte einer Mannschaft führen, aber es ist trotzdem wichtig, Rollen für die Jungs zu finden, ihnen Rollen zu geben, ihnen Rollen zu schenken, die ihre Wertschätzung steigern. Und ich muss fair sein: Wenn jemand, der nicht geradeaus laufen kann, bei mir in der Oberliga-Mannschaft spielen will, weil wir die einzige Herrenmannschaft im Verein sind, muss ich ihm sagen, dass er bei mir keine Spielzeit bekommen.

Wenn es „nur“ darum geht, dass ein Spieler leistungsmäßig gegenüber seinem Positionskollegen abfällt, kann man als Trainer eventuell kreativ werden. Vielleicht versteckt sich ein Siebenmeterwerfer-Talent oder ein Abwehrspezialist in einem Spieler, den ich ansonsten nicht so stark einschätze – oder er kann Überzahlsituationen auf der Mitte viel besser lösen als der Kapitän, der sonst der Stammspieler auf der Mitte ist. Wenn ich es schaffe, ihn für seine Rolle zu stärken und ihm für diese Momente die Aufmerksamkeit schenke, tut das sowohl seinem Selbstbewusstsein als auch der Zusammengehörigkeit des Teams gut.

Und so finde ich vielleicht auch einen Weg aus der Vertrauensfalle, weil der Spieler, dem ich vorher nicht so viel zugetraut habe, nach und nach aufblüht, weil er ein gewisses Vertrauen spürt. Und generell muss mein Stamm-Rückraumspieler nicht 60 Minuten durchkeulen – fünf Minuten kann man ihn entlasten, um ihm verletzungs- und leistungsprophylaktisch eine Pause zu geben und zugleich einen anderen Spieler aufzubauen.

Die Atempause ist nur ein Grund für einen Wechsel. Oft wird gewechselt, wenn etwas nicht geklappt hat. Wie kann es gelingen, dass ein Wechsel nicht als Strafe empfunden wird?

Es ist wichtig, den Sportler nicht einfach liegen zu lassen. Wir sind als Trainer vielleicht frustriert und wollen mit dem Wechsel durchgreifen, aber der Spieler ist auch unzufrieden mit sich selbst, mit der Welt und mit allem Drum und Dran. Dann muss ich als Trainer einen Weg aufzeigen, wie er eine Situation besser lösen kann. Damit meine ich übrigens nicht, dass es keinen Anschiss geben darf. Das gehört auch dazu, wenn ein Spieler zum Beispiel in Überzahl den Wurf über einen Doppelblock nimmt (schmunzelt).

Du sagtest mit Blick auf eure Vorbereitung, dass sich jeder habe zeigen können. Nun sind wir aktuell mitten in der Saison. Was wäre dein Tipp für die aktuelle Periode, wie ein Trainer seinen Spielern diese Möglichkeit geben kann?

Sich im Training überwinden und den Spielern, die vielleicht nicht so im Fokus standen, die Chance eröffnen, immer wieder mit der „ersten“ Aufstellung zu spielen. Natürlich kristallisiert sich irgendwann eine erste Sechs heraus, aber als Trainer kannst du im Training den Mut haben und das brechen. Wir spielen fast immer mit „gemischten“ Teams. Man muss nicht alles verändern, es macht schon viel, wenn man nur den Mittelmann, den Rückraumlinken oder den Kreisläufer tauscht. So baue ich immer wieder andere Spieler ein und will ihnen damit Selbstvertrauen geben.

Während im professionellen Bereich eine genaue Kaderplanung vorgenommen wird, kann es im Amateurbereich positionsmäßig auch mal eine gewisse Unausgewogenheit im Kader geben. Was hat das für Folgen?

Ich habe früher selbst im Amateurbereich gearbeitet, sowohl im Nachwuchs- als auch Erwachsenenbereich und das ist dort sicherlich eine herausfordernde Aufgabe. Sie ist trotzdem ziemlich einfach zu lösen: Es ist wichtig, sich mit der großen Gruppe hinzusetzen und Ziele zu formulieren. Die Ziele sind für eine Amateurgruppe viel wichtiger als für eine Profimannschaft, denn für Profis ist es selbstverständlich, warum sie im Training sind. Im Amateurbereich wissen die Spieler das oft nicht – oder es unterscheidet sich extrem (lacht). Einer will abnehmen, einer will lieber eine Flasche Bier mehr trinken, einer hat immer schon in der 1. Mannschaft gespielt, einer ist wegen seinen Freunden da und einer will unbedingt aufsteigen: Das ist mitunter eine wilde Mischung, die oft der Stimmung nicht hilft. Wenn man jedoch klar gesprochen hat, was die Mannschaft will, welches Ziel sie verfolgt, wird daraus klar, was das für die Aufstellung bedeutet. Die Vertrauensfalle gibt es dort auch mitunter auf anderer Ebene.

Wie meinst du das?

In vielen Amateurvereinen sind die Eitelkeiten manchmal zu groß. Ein Spieler will nicht in die zweite Mannschaft gehen und Trainer oder Abteilungsleitung haben Angst, ihm das vorzuschreiben, weil er eine Vereinslegende ist und es ohne ihn bestimmt nicht geht. Also spielt er weiter in der ersten Mannschaft, ist dort in seiner Rolle als Alphatier, an der er festhält, eigentlich ein Störfaktor – und die, die vielleicht Legenden werden könnten, gibt man keine Chance. Daher spielen die Ziele vom Verein und die Teamziele eine riesige Rolle.

Was wäre dein Tipp, wie man die Situation gut löst, wenn man wirklich drei oder vier Spieler auf einer Position hat?

Wenn alle da sind, gibt es einen Konkurrenzkampf – und man wird sehen, wer sich durchboxt. Es kristallisiert sich oft heraus, wer die Nummer Eins ist, das ist der beste Spieler. Die anderen kämpfen dann aber trotzdem um die Nummer Zwei. Da kann ich nach Trainingsbeteiligung gehen oder verschiedene Wettkämpfe im Training machen, wo zum Beispiel die Wurfquote stimmen muss. Wichtig ist, dass jeder seine Chance kriegt. Wenn ich einem Spieler sage, dass ein anderer auf seiner Position besser ist, wird er das zunächst wahrscheinlich erst einmal nicht akzeptieren. Also muss man ihm die Möglichkeit geben, sich zu zeigen, aber unter ähnlichen Bedingungen. Wenn ich einen Spieler ohne Vorbereitung im Spiel nach 40 Minuten bringe, er ist kalt und unsicher und es funktioniert nicht, dann denke ich als Trainer schnell: Siehst du, ich wusste es. Dabei ist die Situation unfair. Ich habe Klarheit immer gemocht. Wenn jemand nicht so weit ist, muss man ihm auch empfehlen, woanders hinzugehen oder in die zweite Mannschaft zu wechseln.

Was ist im Jugendbereich in diesem Punkt vielleicht anders?

Im Jugendbereich spielt leider der Egoismus von Trainern zu oft eine Rolle, die unbedingt gewinnen wollen. Es ist natürlich richtig, gewinnen zu wollen, das wollen die Spieler ja auch, aber nichtsdestotrotz geht es um die Ausbildung und Weiterentwicklung. Diese Räume müssen wir als Trainer schaffen. So viele Talente sind untergegangen, weil sie Spätentwickler waren und Trainer andere Spieler vorgezogen haben, weil sie größer oder stärker waren. Wenn ein kleiner, flinker Spieler körperlich nicht in die 6:0-Abwehr zu passen scheint, muss man vielleicht mal taktisch umstellen oder bereit sein, auch mal ein, zwei Tore mehr zu kassieren, damit der Spieler es lernen kann. Oft passiert das nicht einmal, weil nur wir wissen, dass er abwehrschwächer ist und wir ihm nicht vertrauen – und der Gegner nimmt das gar nicht wahr, weil er überfordert ist, stur sein System spielt oder das Spiel so dynamisch ist, dass es gar nicht dazu kommt. Die meisten Tore kassiert man in der Regel über den vermeintlichen Abwehrspezialisten, weil der dort steht, wo am meisten angegriffen wird (lacht).

Was hättest du gerne am Anfang deiner Trainerkarriere gewusst, was du erst hast lernen müssen?

Die Vorbereitungsphase vernünftig zu nutzen, um Vertrauen und Entwicklung zu schenken statt zu glauben, dass man sich auf sechs, sieben Mann beschränken muss, damit die Vorbereitung vermeintlich gut läuft. Es ist viel sinnvoller, die Spielzeiten vernünftig aufzuteilen, um den Entwicklungsprozess zu forcieren und eine Mannschaft zu entwickeln, die mit einem breiten Kader in die Saison geht. Wenn ein Trainer ehrlich zu sich selbst ist, wird er sehen, dass auch er in der Vertrauensfalle tappt. Das ist menschlich. Als ich diese Schwäche bei mir entdeckt habe, hat sie mir keine Ruhe gelassen, weil es unfair ist. Ich mag Harmonie in der Mannschaft und das kann ich nur durch ehrliche Arbeit und eine ehrliche Chancenverteilung erreichen.