„Kinderhandball ist heutzutage wichtiger als jemals zuvor.“ – Interview mit Thomas Krüger

„Kinderhandball ist heutzutage wichtiger als jemals zuvor.“ – Interview mit Thomas Krüger

„Kinderhandball ist heutzutage wichtiger als jemals zuvor.“ – Interview mit Thomas Krüger

28. März 2025| Marc Fasthoff

Von Handball-Anfängern bis zu den größten Talenten des Vereins: Thomas Krüger trainiert beim ATSV Habenhausen die E-Jugend sowie die männliche B-Jugend, die in der Jugendbundesliga spielt. Im Interview spricht der erfahrene Nachwuchstrainer und regelmäßige Autor der Fachzeitschrift handballtraining junior über den Stellenwert des Kinderhandballs und den Wunsch nach mehr Wertschätzung für die Trainer:innen im jüngsten Bereich.

Bild Quelle: Nico Wittler/handballtraining junior

 

Thomas, wenn über die Nachwuchsarbeit im Handball gesprochen wird, geht es oft die Förderung von Talenten, Auswahlsichtungen und Wettbewerbsformen. Der Kinderhandball spielt hingegen oft nur eine Nebenrolle. Was leistet der Kinderhandball?

Im Kinderhandball werden die Kinder für unseren Sport und das Sporttreiben generell begeistert und das ist eine wesentliche Komponente. Ich sehe den Sport als Kitt der Gesellschaft. Egal, woher ein Kind kommt: Beim Sport lernt es soziales Verhalten, es lernt, sich an Regeln zu halten und es gewöhnt sich an Bewegung. Deswegen ist Kinderhandball heutzutage wichtiger als jemals zuvor. Wir könnten viel mehr Augenmerk darauf richten, weil wir damit Kitt in der Gesellschaft sind. Die Kinder lernen Gemeinschaft.

Warum ist der Kinderhandball für viele Handballer dennoch oft nur eine Randnotiz?

Grundsätzlich könnte sich jeder mit Kinderhandball beschäftigen und dort einen Dienst leisten – ob als Trainer, Betreuer oder Organisator. Kinderhandball-Trainer sind jedoch häufig nicht im Fokus, weil es dort als Trainer nichts wesentliches zu gewinnen gibt. Die Kinder bekommen eine Ausbildung und sammeln Erfahrung, aber ob man in der D-Jugend Meister wird, spielt keine große Rolle. Das sollte es auch nicht, aber es passt für viele nicht zum Leistungsgedanken. Dabei kann jeder dabei helfen, Kinder zu begeistern. Ich verstehe gar nicht, warum dieser Punkt so im Schatten steht, denn Jugendarbeit ist die Grundlage, um als Verein überleben zu können.

Inwiefern ist der Leistungssport bereits im Kinderhandball das Ziel?

Wenn Kinder erst einmal im Handball ankommen und sich mit der Sportart beschäftigen, ist das großartig. Wenn sie später im Leistungsbereich ankommen, ist das auch großartig, aber es nicht jeder dafür gemacht. Wenn Kinder und Jugendliche diesen Schritt leistungsmäßig nicht schaffen oder ihn einfach nicht machen wollen, ist es klasse, wenn sie das Handballspielen dennoch lieben und später dem Sport vielleicht sogar etwas zurückgeben, indem sie Schiedsrichter werden, Fahrten organisieren oder als Spender auftreten. Es gibt auch abseits des Leistungssports wahnsinnig viele Möglichkeit, die Liebe zu unserem Sport auszuleben und zurückzugeben.

Was macht den Unterschied?

Es gibt drei Komponenten, ich nenne das „LeiTaFle“. Leidenschaft, Talent, Fleiß. Je nachdem, wie das gepaart ist, kann ein Kind oder Jugendlicher Leistungssport betreiben oder eben nicht. Unabhängig davon braucht jedoch jedes Kind eine solide Grundausbildung. Deswegen wäre es toll, wenn sich nicht nur viele junge Trainer-Einsteiger im Kinderhandball engagieren, sondern auch Spieler:innen, die selbst leistungsorientiert gespielt haben. Sie haben einen ganz anderen Blick darauf haben, was die Kinder können könnten – und wie sie ausgebildet werden können.

Und es wäre generell im Sinne des Sports, möglichst viele Kinder zu halten – unabhängig davon, ob es für den Leistungssport reicht oder nicht?

Auf jeden Fall. Es muss eine breite Basis geben, um die Hochleistungssportler überhaupt zu finden, aber wie ich bereits sagte: Es ist auch nicht jeder für den Hochleistungssport gemacht. Deswegen ist es wichtig, dass es für alle Kinder, die Handball spielen wollen – egal, in welchem Leistungsbereich – Angebote gibt.

Die Differenzierung ist gerade in kleinen Vereinen mit nur einer Mannschaft in einer Altersklasse schwierig. Muss man in der E-Jugend bereits leistungsorientiert trainieren, um später in der Bundesliga zu spielen?

Das glaube ich nicht. Ich habe immer wieder Quereinsteiger, die sich erst später zeigen – wie ein Miro Schluroff zum Beispiel; der hat erst zum Ende der D-Jugend-Zeit bei uns angefangen. Entscheidend ist das Grundgerüst; dass man sich mit den Kindern auseinandersetzt und überlegt, was man ihnen neben dem Handball anbieten kann. Das Spielen ist der Summand, der alles zusammenhält, aber die Freude an jeder Art von Bewegung und Gemeinschaft müssen wir darüberhinaus vermitteln.

Was reizt dich am Kinderhandball? 

Es lohnt sich einfach. Mein kleiner Dorfverein hat sich mit einer Mannschaft für die Jugendbundesliga in der B-Jugend qualifiziert, die zum großen Teil aus Eigengewächsen besteht. Viele dieser Jungs begleite ich seit Kindesbeinen und ihre Entwicklung zu erleben, ist einfach toll.

Dennoch heißt es bei manchen Trainern, Kinderhandball sei – gerade durch das offensive, freie Spiel, was mitunter chaotisch aussieht – kein richtiger Handball. Was entgegnest du diesem Vorurteil?

Das höre ich auf Fortbildungen sehr häufig – bis zu dem Zeitpunkt, wo diejenigen, die das äußern, selbst 20 Minuten in die Manndeckung geschickt werden (schmunzelt). Das System dient auch dazu, um die Kinder athletisch auszubilden und nicht nur technisch-taktisch vorzubereiten. Ich finde, das offensive Verteidigen ist eine sehr gute Maßnahme, um eine Tiefe im Spiel zu haben und auch Kindern, die vielleicht noch nicht so groß sind oder so eine große Wurfgewalt haben, zum Zuge kommen zu lassen. In dem offensiven Spiel haben alle Kinder sehr schnell eine Chance, sich am Spiel zu beteiligen. Die Regeln sind einfacher und das Spiel ist erst einmal relativ körperlos

Der offensive Weg ist jedoch entgegensetzt zum Dominator im Männer-Handball Dänemark, wo die Jüngsten defensiv spielen …

Das wird sehr häufig hervorgehoben und dann geht die Diskussion los, ob wir nicht etwas umstellen sollen.

Was wäre deine Meinung dazu?

Wir haben eine Rahmentrainingskonzeption, die von Menschen verfasst worden ist, die sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt haben. Wir müssen nicht alles über den Haufen werfen, aber ich glaube, dass wir überlegen müssten, manchmal andere Schwerpunkte zu setzen.

Inwiefern?

Bei uns ist meiner Meinung nach alles dem Gewinnen untergeordnet. Ich muss in der Liga eine bestimmte Platzierung erreichten, damit ich im nächsten Jahr dort wieder spielen kann und die nachfolgende Generation diesen Platz sicher hat. Wenn ich das nicht mache, verliere ich diese nächste Generation sonst vielleicht an den Nachbarverein. Das fördert den Leistungsgedanken, aber es hemmt ihn auch manchmal, weil wir dadurch bestimmte Dinge viel zu erfolgsorientiert sehen statt die Jungs auch mal mit Spaß spielen zu lassen und zuzulassen, dass sie experimentieren.

Sprich: Man lässt die „erste Sieben“ auf ihren Positionen spielen, statt den kleinen Linkshänder nicht nur auf Rechtsaußen, sondern auch mal auf der Mitte auszuprobieren?

Ich sehe es in der B-Jugend-Bundesliga. Es ist prima, dass die Jungs auf so einem hohen Niveau spielen können und diese Erlebnisse machen dürfen, es gibt jedoch auch ein Aber: Der Ergebnisdruck ist extrem hoch. Alle kämpfen, weil es nicht um das Spielen, sondern auch immer um etwas „Größeres“ geht. Dieses Gewinnen-Müssen hemmt die Spieler und hemmt auch Trainer, mal etwas auszuprobieren oder entspannter mit Dingen umzugehen. Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, was wir anpassen können, damit die Sportler auch mal experimentieren dürfen und nicht viel zu früh immer nur liefern müssen. So ein Leistungssystem mag ein guter Weg sein, die vielen Sportler, die wir haben, vergleichbar zu machen, aber es stellt sich auch die Frage für einen B-Jugendlichen: Wird er auch im Seniorenbereich noch gut sein, wenn er nicht ausprobieren darf, Fehler machen darf, es ihm auch einfach mal Spaß machen darf?

Du hast eingangs gesagt, dass du dir wünschen würdest, dass mehr Augenmerk auf den Kinderhandball gelegt wird. Wie könnte das konkret aussehen?

Ich würde mir wünschen, dass alle Vereine, die im Seniorenbereich spielen, auch irgendetwas für den Kinderhandball machen müssen – eine Patenschaft übernehmen oder im Training helfen. Wie viele Kinder fänden es großartig, wenn aus der 1. Männer oder 1. Frauen einmal im Monat ein Spieler in ihr Training käme und mit ihnen zusammen trainieren würde? Das würden die Kinder feiern ohne Ende! Das gibt auch genau den Kitt, den ich eingangs angesprochen hatte und genau diesen Zusammenhalt brauchen wir, auch in unserer Gesellschaft.

Hast du noch weitere Punkte?

Ich würde mir auch wünschen, dass ein Verein den Kinderhandball-Trainer:innen den Wunsch von den Augen abliest. Du möchtest eine Dauerkarte für die 1. Mannschaft? Das ermöglichen wir natürlich, das wird gar nicht in Frage gestellt. Oder dass der Verein einfach den Kindertrainer einmal fragt: Was benötigst du? Wie können wir dich unterstützen? Die Verein sollten sich überlegen, was sie wertschätzen.

Sprich: Nicht nur den Trainer der 1. Herren in der Oberliga, sondern genauso den Minitrainer, der mit 20 Kindern in der Halle steht. 

Ganz genau! Der Mini-Trainer ist nämlich derjenige, der Nerven wie Drahtseile hat und einen langen Geduldsfaden, um die Kinder irgendwie beim Handball zu halten und zu tollen Persönlichkeiten zu erziehen, die später sportliche Höchstleistung bringen können oder sich mit ebenso viel Einsatz selbst im Verein engagieren.

Ich habe aber das Gefühl, diese Trainer werden oft gar nicht gesehen. Sie erhalten in vielen Vereinen zum Beispiel keine Ehrungen. Da würde ich mir wünschen, dass sie mehr Aufmerksamkeit bekämen; dass man ihnen sagt: „Danke, dass du dich für die Kleinsten engagierst – auch, wenn du keine Meisterschaften gewinnen kannst.“ Das vorrangige Ziel sollte dabei allen bewusst sein: Die Kinder an den Sport zu binden und gemeinsam einen Zusammenhalt im Verein, im Stadtteil, in der Gesellschaft herzustellen.

„Wenn du einen faulen Apfel hast, kann dir alles um die Ohren fliegen.“ – Interview mit Heike Ahlgrimm

„Wenn du einen faulen Apfel hast, kann dir alles um die Ohren fliegen.“ – Interview mit Heike Ahlgrimm

„Wenn du einen faulen Apfel hast, kann dir alles um die Ohren fliegen.“ – Interview mit Heike Ahlgrimm

5. Februar 2025| Marc Fasthoff

Heike Ahlgrimm ist seit knapp zehn Jahren Cheftrainerin der HSG Bensheim/Auerbach. Die 49-Jährige führte die Flames 2017 zunächst in die 1. Bundesliga, bevor 2023 mit der Qualifikation für das Finale des DHB-Pokals und 2024 mit der Deutschen Vize-Meisterschaft neue Meilensteine gesetzt wurde. Ein Faktor für die Erfolge: Eine gute Chemie im Team. Worauf muss man als Trainer bei der Mannschaftszusammenstellung achten und welche Erfahrungen sie gemacht hat, verrät Ahlgrimm im Interview.

Ob in der Bundesliga oder der Oberliga: Jeder Trainer steht vor der Aufgabe, ein funktionierendes Team zusammenzustellen. Was ist aus deiner Erfahrung der erste Schritt?

Du musst gucken, ob die Spielerin ins Team passt – nicht nur spielerisch, sondern auch charakterlich, menschlich und finanziell. Ich habe mich in vielen Situationen gegen eine wirklich gute Spielerin entschieden, weil ich nicht der Meinung war, dass sie charakterlich oder menschlich gut in die Mannschaft passen würde. Das ist für mich extrem wichtig. Wir haben auch immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass es finanziell passt, denn wenn man das bestehende Gehaltsgefüge für eine Spielerin sprengt, kann es einem leicht um die Ohren fliegen.

Wie ist das Verhältnis zwischen Rationalität und Bauchgefühl bei solchen Entscheidungen?

Das kann ich nicht beziffern, aber bei mir spielt das Bauchgefühl schon eine große Rolle. Das Gute ist, dass man sich oft vorher kennt – wir haben Spielerinnen verpflichtet, gegen die wir vorher schon gespielt haben oder aus anderen Begegnungen in der Handball-Familie kennt. Es gibt natürlich auch viel Hörensagen, da hilft es, eigene Eindrücke zu haben.

Woran machst du fest, ob eine Spielerin in die Mannschaft passt?

Sie braucht einen guten Charakter. Plump ausgedrückt: Ich brauche keine Egoistin, sondern eine mannschaftsdienliche Spielerin. Ich brauche eine Spielerin, die alles für den Handball investiert. Ich brauche eine Spielerin, die unbedingt will! Das ist mir ganz wichtig; eine Spielerin muss wirklich zu uns wollen. Das sucht man zumindest; ob man es kriegt, ist etwas anderes (schmunzelt). Und natürlich guckt man als Trainer auch, ob eine Spielerin taktisch ins System passt – wir suchen zum Beispiel gerne abwehrstarke Spielerinnen, die ins Tempospiel gehen können.

Wenn du sagst, es brauche grundsätzlich einen guten Charakter, gibt es ja trotzdem unterschiedliche Typen. Worauf ist bei der Zusammenstellung zu achten?

Das ist nicht immer einfach, das stimmt. Eine Mannschaft braucht natürlich Führungsspieler und auch für einen Trainer ist es wichtig, zwei, drei Leute im Team zu haben, die vorweg gehen können und ihre Meinung sagen. Du brauchst aber natürlich auch nicht zehn Alphatiere, sondern ebenso Spielerinnen, die charakterlich „neutral“ sind und es wird auch immer Spielerinnen geben, die nur mitlaufen. Das ist auch okay und darauf muss man natürlich achten, dass die Zusammenstellung auch unter diesem Gesichtspunkt passt.

Kommunizierst du potenziellen Neuzugängen schon vor dem Wechsel, in welcher Rolle du sie siehst – oder findet sich das innerhalb des Team?

Das kommt darauf an. Als Trainer kommt man natürlich vor dem Wechsel immer miteinander ins Gespräch, ich sage sportlich, was ich erwarte und wie ich sie sehe, aber es gibt immer Unterschiede. Manchmal muss man gar nicht viel reden, weil es klar ist – bei einer so erfahrenen Spielerin wie Kim Irion war es keine Frage, welche Rolle sie einnehmen wird. Bei jungen Spielerinnen ist es jedoch wichtig, dass sie klar wissen, wo ich sie sehe und welche Rolle sie spielen sollen. Das ist allerdings nicht immer planbar.

Inwiefern?

Ich hatte Spielerinnen, die in der ersten Saison als Nummer Drei auf einer Position eingeplant waren, aber dann bereits schnell eine viel größere Rolle einnehmen. Das entwickelt sich; man weiß gerade bei jungen Spielerinnen nie, welche Fortschritte sie machen, wie sie erwachsen werden und sich in die Mannschaft einfügen. Eigentlich ist es oft einfach: Wer Leistung bringt, steigt innerhalb der Mannschaft im Standing und wird dann automatisch einbezogen.

Wie wichtig ist ein Probetraining, bevor man sich für oder gegen den Wechsel bzw. die Verpflichtung entscheidet?

Wenn wir die Spielerin beispielsweise aus der Liga kennen, ist ein Probetraining keine Pflicht, aber bei Spielerinnen, die aus dem Ausland oder auch der 2. oder 3. Liga kommen, machen wir das schon. Es gibt auch Erstliga-Spielerinnen, die von sich aus um ein Probetraining bitten, weil sie gucken wollen, welches Gefühl sie haben, wie mein Training ist oder wie die Mädels sie aufnehmen.

Dass neue Spieler in eine Mannschaft kommen, gibt es sowohl in der Bundesliga als auch im Amateurhandball in jedem Jahr. Wie kann man als Trainer diesen Prozess der Integration bzw. Mannschaftsfindung begleiten.

Das ist eine Situation, die nicht immer einfach ist, weil sich durch Abgänge und neue Spielerinnen immer etwas in der Mannschaft verschiebt. Wir legen daher in der Vorbereitung einen großen Wert auf die Teamfindung. Es ergibt sich automatisch viel, wenn man im Trainingslager oder auf Turnieren ist, weil man gemeinsam unterwegs ist und Zeit miteinander verbringt. Auch Teamevents gehören dazu. Jede, die neu uns kommt, gestaltet einen Abend selbst, zu dem sie die Mannschaft einlädt. Manchmal schreiben wir bei Aufwärmspielen Plus und Minus auf und dann müssen diejenigen, die verlieren, ein Kabinenfest für die ganze Mannschaft geben. So beschäftigen sich die Mädels miteinander, das klappt gut.

Welche Möglichkeiten hat der Trainer außerdem?

Ich teile beim Trainingslager hin und wieder die Zimmer ein – zum Beispiel positionsmäßig, damit sich auch Spielerinnen miteinander beschäftigen, die vielleicht sonst nicht so viel zu tun haben. Früher habe ich im Jugendbereich sogar eingeteilt, wer im Bus wo sitzt, damit nicht immer die gleichen Spielerinnen zusammenhocken. Dass es sich mischt, ist in gewisser Weise auch deine Verantwortung als Trainer. Da lege ich viel Wert drauf.

Wie viel Zeit braucht eine Mannschaft, um sich nach einer Neugestaltung zu finden?

Wenn viele Spielerinnen schon länger dabei sind und das Team immer nur mit zwei, drei Spielerinnen punktuell ergänzt wird, kann es relativ schnell gehen. Bei mehreren Wechseln kann es auch länger dauern. Mein Richtwert: Ich sage, dass eine neue Spielerin circa ein halbes Jahr braucht, um spielerisch bei uns anzukommen. Menschlich ist etwas anderes, aber spielerisch sieht man immer wieder und in jedem Verein, dass Neuzugänge einfach Zeit brauchen.

Inwiefern liegt das an dem spielerischen Niveau? Sprich: Geht es in der Bezirksliga schneller als in der Bundesliga?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube aber, dass es keinen großen Unterschied macht, denn man muss in jeder Liga erst einmal lernen, wo die neue Mitspielerin hinläuft. Das mag in der Bezirksliga vielleicht nicht so ins Detail gehen, aber dafür ist der Trainingsumfang ja auch anders. Und bis ein blindes Verständnis besteht, dauert es noch länger. Kim Irion ist seit anderthalb Jahren bei uns und jetzt kommen ihre blinden Pässe auf Isabell Hurst an. Am Anfang wurden die Bälle hin und wieder nicht gefangen. So etwas zu perfektionieren, dauert auch auf unserem Niveau.

Inwiefern hilft dir deine Erfahrung aus deiner Spielerzeit; dass du also weißt, wie es für ein Team ist, sich zu finden?

Wenn man länger Trainer ist, weiß man generell, was funktioniert, aber der Handball entwickelt sich, unsere Sportart entwickelt sich. Man muss immer wieder auch über den Tellerrand schauen, denn das, was letztes Jahr funktioniert hat, greift vielleicht im nächsten Jahr schon nicht mehr. Dann gilt es zu gucken, was man verändern muss, um den richtigen Weg zu finden. Klappt das eine nicht, muss man das nächste ausprobieren – und das geht nur mit Erfahrung.

Was wäre in diesem Punkt dein Tipp für Trainerkollegen?

Immer weitermachen! Das klingt banal, aber letztendlich ist es der entscheidende Punkt. Es gibt immer wieder Rückschläge; es werden immer wieder Dinge nicht mehr funktionieren, aber dann muss weiter arbeiten, damit es wieder besser wird. Manchmal ist man dann als Trainer auch überfragt, man findet einfach keinen Grund und weiß nicht weiter, aber man muss weitermachen und positiv bleiben. Auch bei uns geht es aktuell hoch und runter; wir kriegen eine Klatsche in der Bundesliga und gewinnen wenige Tage später im Europapokal – und ich weiß einfach nicht, woran es liegt.

Wie gehst du damit um?

Ich beobachte, ich höre zu und ich versuche, auch viel in den Dialog zu gehen und die Spielerinnen einzubeziehen. Ich frage: Was braucht ihr als Mannschaft? Was braucht ihr, damit es funktioniert? Für solche Situationen sind ein Kapitän und eine Mannschaftsrat sehr sinnvoll; egal, in welcher Liga. Wenn es Probleme gibt, können natürlich alle Spielerinnen zu mir kommen, aber ich kann nicht immer mit allen 16 Spielerinnen sprechen. Daher ist eine Vertretung wichtig, die im Namen des Teams sprechen kann. Und manchmal muss man einfach weitermachen, denn es gibt Situationen, für die es keine Begründung gibt.

Das dürfte nicht einfach sein …

Definitiv nicht. Man muss es aushalten können, dass es nicht auf jedes Problem eine Antwort gibt. Ich habe inzwischen gelernt, dass in solchen Situationen manchmal weniger mehr bringt. Früher habe ich trainiert, trainiert, trainiert, damit es wieder besser wird, inzwischen gebe ich den Mädels aber auch mal zwei Tage frei. Manchmal hilft das, damit der Kopf danach wieder frei ist.

Wann sollte ein Trainer eingreifen, wenn er merkt, dass die Mannschaft sich trotz aller Bemühungen nicht findet oder es im Team einfach nicht funktioniert?

Das hängt von der Situation ab. Man kann gucken, ob man mit Teamevents noch etwas bewegen kann, mit Einzel- oder Teamgesprächen oder durch die Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer. Es ist natürlich für viele Vereine auch eine finanzielle Frage, was für Möglichkeiten es gibt. Manchmal muss man da auch einfach durch, denn es muss nicht jeder mit allen befreundet sein. Wir haben nicht 16 Freundinnen, es gibt Reibungspunkte, aber solange sie auf dem Feld es ordentlich machen, ist es okay. Und man hat nun einmal auch 16 unterschiedliche Charaktere in der Mannschaft, die 16 unterschiedliche Rucksäcke mitbringen. Das muss einem bewusst sein. Wenn es aber partout nicht funktioniert, wenn du einen faulen Apfel in der Mannschaft hast, kann dir alles um die Ohren fliegen. Da musst du eine Entscheidung treffen und eventuell muss man sich dann auch wieder trennen.

„Tacheles reden, wenn es notwendig ist“ – Interview mit Martin Heuberger

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29. Dezember 2024| Marc Fasthoff

Mit sechs Titeln als Cheftrainer ist er der erfolgreichste Coach des Deutschen Handballbundes: Junioren-Bundestrainer Martin Heuberger. 2004, 2006 und 2021 führte er den DHB-Nachwuchs zum Europameistertitel; 2009, 2011 und 2023 gab es Gold bei den Junioren-Weltmeisterschaften. Im Interview spricht er darüber, worauf es in der Kommunikation zwischen Spieler und Trainer ankommt.

Worauf kommt es als Trainer in der Kommunikation mit den eigenen Spielern an?

Es ist wichtig, die Fakten zu nennen: wo liegen die Stärken der Spieler und wo liegen noch Potenziale; die Stellen, an denen sie sich verbessern können. Mit solchen Fakten müssen die Spieler umgehen lernen – gerade, wenn sie in Richtung Leistungssport wollen, ist eine offene und ehrliche Kommunikation ganz wichtig. Deshalb muss man als Trainer auch klar sagen, woran es noch hapert, warum es nicht reicht, warum der andere Spieler besser ist. Das ist enorm. wichtig und dann können die Jungs entscheiden, was sie mit diesen Informationen machen. Sie können entscheiden, ob sie weiterarbeiten wollen an den Defiziten und den Potenzialen, die man ihnen aufzeigt oder nicht. Und an dieser Stelle trennt sich die Spreu vom Weizen.

Inwiefern gibt es in der Kommunikation einen Unterschied, ob man Vereinstrainer ist oder wie du aktuell Auswahltrainer?

Da gibt es für mich keinen Unterschied. Im Gegenteil: Als Auswahltrainer haben wir immer nur eine Momentaufnahme. Klar, wir beobachten auch die Vereinsspiele und haben einen Blick auf die Spieler, aber beim Lehrgang sind die Spieler nur wenige Tage vor Ort. So bekommt man als Auswahltrainer manchmal ein verfälschtes Bild. Für einen Vereinstrainer ist es daher sogar noch wichtiger, dass er den Spielern nicht nur die Fakten nennt, sondern auch mit den Spielern gerade an den Potentialen und Defiziten arbeitet.

Weil der Vereinstrainer den Spieler mehrmals in der Woche sieht und der Auswahltrainer nur kurz auf dem Lehrgang?

Genau. Wir haben die Zeit bei der Nationalmannschaft oft gar nicht, wir können oft nur unsere Empfehlungen aussprechen. Genau deshalb kommunizieren wir aber auch viel mit den Heimtrainern und tauschen uns regelmäßig aus. Denn man muss schon ehrlich sagen: Die Arbeit passiert in den Vereinen, weniger bei der Auswahl.

Auf den Ausbildungslehrgängen für Trainer ist die Kommunikation oft kein Schwerpunkt. Kann man die Kommunikation mit den Spielern lernen?

Ein Stückweit schon, ja. Es ist sicherlich auch eine Charaktereigenschaft von einem Trainer, einen Blick dafür zu haben, wie ich die Spieler gerade im individuellen Bereich weiterbringen kann und entwickeln kann, aber es geht eben auch darum, Tacheles zu reden, wenn es notwendig ist, unverblümt die Fakten zu nennen. Die Spieler müssen allerdings auch bereit sein, etwas daraus zu machen, was man ihnen mit auf den Weg gibt.

Was waren – an was erinnerst du dich noch – die größten Knackpunkte in der Anfangszeit?

Am Anfang sind viele Dinge neu und da muss sich ein Trainer immer erst reinfuchsen und lernen – und dann entwickelt man sich selbst weiter. Man bekommt ein geschultes Auge und einen anderen Blick auf die Dinge, als ein junger, unerfahrener Trainer ihn hat. Das hilft natürlich extrem, um die Fakten benennen zu können.

Welche Tipps würdest du einem Trainer geben, der an seiner Kommunikation arbeiten will?

Das ist pauschal schwierig, da muss man im Einzelfall schauen, wo es hakt. Dinge anzusprechen, kann erst einmal jeder, es kann aber sein, dass schlicht und einfach das fachliche Know-How fehlt. Es kommt natürlich auch auf die Art und Weise an. Eine offene und ehrliche Kommunikation ist mir wichtig, dass die Spieler die Fakten kennen, aber einfach mit einem Holzhammer draufhauen, geht halt auch nicht.

Was ist ein großer Schritt, den du über die Jahre in der Kommunikation gemacht hast?

Ich war früher eher emotional, da bin ich sicherlich mit den Jahren ruhiger geworden. In meinen Anfängen bin ich relativ schnell sehr impulsiv gewesen; gerade, wenn es nicht so gelaufen ist wie ich mir das vorgestellt habe. Mittlerweile habe ich gelernt, dass es ein Reifeprozess ist. Man kann nicht von heute auf morgen erwarten, dass die Dinge, die man als Trainer im Kopf hat, umgesetzt werden. Das braucht Zeit und die Zeit muss ich den Jungs als Trainer auch geben. Wenn ich aber merke, dass sich nichts entwickelt, ist irgendwann Schluss. Wenn der Spieler vielleicht sogar die Einstellung hat, sich gar nicht verbessern zu wollen, dann trennen sich eben die Wege.

Welche Unterschiede gibt es im Umgang mit Erwachsenen- und Nachwuchsspielern?

Ein jüngerer Spieler braucht ein bisschen engere Führung als ein älterer Spieler, der sich in der Regel – es gibt auch Ausnahmen – bereits besser einschätzen kann. Durch die Erfahrung sind ältere Spieler oft reflektierter. Es gibt aber in jedem Alter einzelne Spieler, die ein anderes Fremdbild von sich haben; die sich nicht ganz realistisch einschätzen können. Da muss man sagen, was Sache ist.

Was gehört – abseits der Fakten – zur engeren Führung dazu?

Als Trainer muss ich die jungen Spieler in gewisser Weise erst einmal erziehen. Sie wissen oftmals nicht, was Leistungssport heißt, was es heißt, sich im täglichen Training zu quälen, auch, wenn ich mal keine Lust habe und was es heißt, sich zu organisieren. Im höchsten Leistungsbereich liegt der Fokus ganz auf dem Handball, da ist es einfacher, aber bei jungen Spielern kommt Schule oder Ausbildung dazu. Da muss man sie in die richtige Schiene setzen. Das kann man vom Leistungsbereich übrigens herunterbrechen in den Amateurbereich.

Inwiefern?

Ich denke, es geht immer darum, besser zu werden. Es ist das Ziel eines Einzelnen und der Mannschaft, dass man über die Saison eine Entwicklungsprozess sieht. Das ist nicht abhängig von der Liga oder Altersklasse. Wenn man dieses Ziel nicht hat, macht man als Trainer aus meiner Sicht etwas falsch, denn ich sehe die Trainerrolle nicht dafür zuständig, um die Spieler nur zu bespaßen.

Was kann man im Austausch Spieler/Trainer abseits der direkten Kommunikation falsch machen?

Wenn ich in manchen Spielen beobachte, wie einige Trainer ihre Teams coachen, muss ich sagen: Da habe ich eine andere Philosophie. Manche sind aus meiner Sicht zu impulsiv, zu energisch und zu rabiat, zu forsch in manchen Dingen, vor allem in der Wortwahl. Es sollte mehr darum gehen, Inhalte rüberzubringen, das muss man eher im ruhigen Rahmen machen.

Wie meinst du das konkret?

Im Spiel kriegen die Spieler – gerade, wenn sie schon etwas kaputt sind – oftmals nicht mit, was von der Seite impulsiv gebrüllt wird. Und oft sind die Kommentare von der Seite wie „Triff das Tor“ auch nicht hilfreich. Dass er das Tor treffen soll, weiß der Spieler in der Regel selbst. Vom Trainer muss vielmehr eine Hilfestellung kommen, was der Spieler verändern sollte bzw. könnte. Und für diesen Austausch nehme ich den Spieler vielleicht lieber kurz raus und versuche, in einer ruhigen Sekunde auf der Bank zu erklären, was die Fehlerquelle ist und was er besser machen soll. Nur Fehlerquellen aufzählen, hilft ebensowenig.

Und ansonsten?

Ich beobachte viele Spiele und mir ist manchmal aufgefallen, dass der ein oder andere Trainer sich auf die Bank hockt und sich im Schneckenhaus, wenn es nicht läuft. Das ist im Coaching der falsche Weg, finde ich. Gerade in solchen Situationen bin ich als Trainer gefragt, aktiv zu werden und durch Umstellungen Veränderungen zu erreichen. Ich unterhalte mich mit Spielern und versuche, ihnen neue Dinge auf den Weg zu geben, was sie vielleicht verändern können. Es gibt jedoch leider Kollegen, die wie eine Mannschaft in eine Loch fallen und nicht einmal mehr versuchen, etwas zu verändern. Dabei ist es doch die Aufgabe als Trainer, das Spiel zu lenken. Ob es dann richtig oder falsch ist, was man versucht, wird man erst am Ende sehen, aber wenn ich als Trainer gar nichts mache und mich selbst ergebe, ist es der größte Fehler.

Abschließend ein Blick auf die DHTV: Du hast mit deinen Auswahlmannschaften auch hin und wieder schon von der Förderung profitiert; vor zwei Jahren gab es beispielsweise in der Vorbereitung neue Mixer. Wie wichtig ist so ein Support?

Das ist ganz toll und da möchte ich der DHTV ein großes Kompliment aussprechen, dass sie uns Dinge ermöglicht haben, die für uns sonst nicht bezahlbar sind. Vor der Junioren-WM haben wir über Pitti eine Teambuilding-Maßnahme auf den Weg gebracht, das war eine tolle Geschichte und eine große Unterstützung. Ich habe auch schon Veranstaltungen der DHTV miterlebt und es ist immer gut, wenn man sich unter Trainerkollegen austauschen kann. Man nimmt immer etwas mit, bringt seinen Input ein und kriegt etwas zurück.

„Volle 60 Minuten online“ mit Jürgen Hilfinger

„Volle 60 Minuten online“ mit Jürgen Hilfinger

„Volle 60 Minuten online“ mit Jürgen Hilfinger

15. Dezember 2024| Marc Fasthoff

Morgen am Montag, 16.12. um 19h finden unsere letzten „Vollen 60 Minuten“ in diesem Jahr statt.

Zu Gast wird Jürgen Hilfinger, Beauftragter für die Lehre im Schiedsrichter-Ausschuss der 3. Liga, bei Moderator Gleb Sakovski sein. Jürgen wird natürlich alle Fragen rund um das Schiedsrichterwesen der 3. Liga beantworten – ihr dürft euch auf einen offenen Austausch freuen.

Auch eure Fragen sind herzlich Willkommen. Wir freuen uns auf Jürgen und Euch.

🗓️ Montag, 16. Dezember 2024

⏰ 19:00 bis 20:00 Uhr

📌 Der Link für alle Online-Vorträge von „Volle 60 Minuten“ bei » Zoom
Meeting-ID: 815 7660 8634 | Kenncode: 238128

Wir freuen uns auf Jürgen und Euch.

„Die meisten Torhüter haben die größten Defizite im Rahmen der Beinarbeit.“ – Interview mit Franco Tafuro

„Die meisten Torhüter haben die größten Defizite im Rahmen der Beinarbeit.“ – Interview mit Franco Tafuro

„Die meisten Torhüter haben die größten Defizite im Rahmen der Beinarbeit.“ – Interview mit Franco Tafuro

4. Dezember 2024| Marc Fasthoff

Der Schlussmann im Fokus: Ein Torwarttrainer ist im oberen Leistungsbereich Usus, im Amateur- und Jugendhandball jedoch keine Selbstverständlichkeit. Wie gelingt es, den Keeper im Training trotzdem in den Blick zu nehmen – und ab welcher Altersklasse ist das empfehlenswert? Franco Tafuro ist ausgebildeter DHB-Torhüter*innen-Trainer und gründete gemeinsam mit Ex-Nationalspielerin Debbie Klijn die Torwart-Trainer-Academy. Im Interview berichtet er aus seiner Erfahrung und betont: „Torhüter wollen gar nicht das ganze Training haben, aber zumindest einen kleinen Abschnitt.“ 

Franco, es gibt im mittleren und unteren Leistungsbereich sowie der Jugend viele Mannschaften bzw. Vereine, die keinen Torwarttrainer haben. Was kann ein Trainer tun, damit sich seine Torhüter im Mannschaftstraining wohl und vor allem gesehen fühlen? 

Die Torhüter brauchen auch im Mannschaftstraining eine Einbindung; eine Zeitspanne, wo die Aufmerksamkeit ihnen gilt. Außerdem brauchen Torhüter konkrete Aufgaben und dadurch eine Förderung. Wenn sich der Cheftrainer mit den Feldspielern beschäftigt, kann der Torhüter sich durchaus mit Einzelübungen selbst beschäftigen. Die Vorgaben dafür sollten jedoch vom Trainer kommen und das ist das Mindestes, was ich mir wünschen würde. Und weißt du, warum?

Warum? 

Weil wir immer wieder sehen, dass die Torhüter besser werden, sobald das geschieht! Sie haben eine gezielte Förderung und können an sich arbeiten. Ich höre bei Workshops immer wieder von Torhütern, dass sie den Eindruck haben, dass sie nur nebenbei laufen. Für mich als Trainer wäre die Position des Torhüters viel zu wichtig, um sie bei der Förderung weitestgehend zu ignorieren, denn ohne eine solche individuelle Förderung werden wir maximal durchschnittliche Leistung unsere Torhüter erhalten.

Wie viel Zeit sollte das Torwarttraining einnehmen? 

Torhüter wollen gar nicht das ganze Training haben, aber zumindest einen kleinen Abschnitt. 15 bis 20 Minuten in der Woche sind ein guter Richtwert, das hat Mattias Andersson im Mannschaftstraining des THW Kiel ebenfalls. Wenn ein Amateurteam zwei Einheiten hat, sind es 20 von 180 Minuten – und das ist aus meiner Sicht nicht zu viel. Wir wissen ja, dass die Torwartposition als eine der wichtigsten Positionen im Handball angesehen wird. Außerdem kann ich das Training der Torhüter ggf. mit dem Mannschaftstraining verbinden – und es beispielsweise als Wurftraining für die Außenspieler nutzen, aber den Fokus sichtbar auf den Keeper legen.

Sichtbar? 

Ich gebe die Aufgabe für die Feldspieler beim Wurftraining klar vor, konzentriere mich über Blick und Position aber auf auf den Torwart. Ich stehe auf fünf, sechs Meter, meine Blickrichtung ist zum Tor. Das schafft bereits gezieltere Würfe und ich gebe dem Torwart Aufmerksamkeit.

Ansonsten sprachst du eingangs davon, dem Torhüter Einzelaufgaben zu geben… 

Genau, das ist eine gute Möglichkeit; gerade, wenn man als Trainer alleine mit der ganzen Mannschaft in der Halle steht. Torhüter können mit Pommes und Koordinationsleiter an der Beinarbeit arbeiten oder mit verschiedenen Materialien an der Auge-Fuß- bzw. Hand-Auge-Koordination. Ich bin ein großer Fan der ‚Ballklatschen. Den Torhüter einfach nur zehn Minuten zum Dehnen zu schicken, ist aus meiner Sicht überholt.

Inwiefern? 

Das war in meiner Generation sicherlich Standard, aber es hat nichts damit zu tun, dass der Torhüter warm wird. Eine bessere Alternative ist das so genannte MAPS-Plakat, das der DHB kostenlos zum Download ( https://www.dhb.de/sites/default/files/2024-12/MAPS Poster Torhüter.pdf ) bereitstellt. Wenn ich das ausdrucke und dem Torhüter gebe, kann er sich selbst pro Einheit ein Programm aus den Übungen zusammenstellen. Wir haben auch mal einzelne Übungen fotografiert und sie mit Erläuterung zu laminierten Karten zusammengebastelt. Oder uns Übungsvideos auf ein Tablet geladen, was wir dem Torhüter dann gegeben haben. Es gibt so viele Möglichkeiten.

Das Dehnen gehört für einige Torhüter ebenso wie das standardisierte Einwerden dazu – und er will nicht, dass es ihm ‚gestrichenwird. Wie finde ich da einen Kompromiss? 

Das Gespräch mit dem Torhüter suchen, ist sicherlich der erste Schritt. Man kann als Trainer dann zum Beispiel erklären, was der Hintergrund ist – und sich beispielsweise einigen, dass am Spieltag die Routinen des Torhüters eingehalten werden und im Training immer mal wieder neue Reize gesetzt werden. Und wenn ein Torwart auf die Routine des Dehnens besteht, kann man in die Absprache gehen, inwiefern er früher kommen will. Die koordinative Förderung – und ich verweise erneut auf das MAPS-Plakat – ist jedoch unheimlich wichtig.

Was wären abseits des individuellen Programms neue Reize? 

Es ließe sich die übliche Wurfkombination beim Einwerfen variieren, das Einwerfen erfolgt aus anderen Positionen. Es muss beispielsweise nicht immer aus der Mitte erfolgen, sondern es lassen sich Varianten einbauen, die dem Torwart helfen – von den Halbpositionen oder von Außen. Da ist Kreativität möglich, obwohl der Schwerpunkt auf dem Einwerfen liegt.

Wenn Trainer selbst keine Torhüter gewesen sind, fehlt die eigene praktische Erfahrung mit dieser Position. Was würdest du da empfehlen? 

Ein paar einfache Eingriffe kann und muss jeder vornehmen, um seine Torhüter zu verbessern. Neue Reize zu setzen und den Torhüter im Training neu zu fordern, ist dabei der erste Schritt. Denn wenn wir den Torhüter nur das machen lassen, was er immer gemacht hat, werden wir in der Halle auch nur das bekommen, was er immer gehalten – oder irgendwann vielleicht auch nicht einmal mehr das. Wie soll ein Torhüter besser werden bei Würfen von Außen, wenn wir seine Beinarbeit nicht verbessern? Und wie soll er die 1. Welle besser werfen, wenn er das im Training nicht üben kann? Es ist ja schlicht und einfach ein Differenzierungsvermögen, den Pass so einschätzen, dass der Ball da landet, wo der Spieler ihn auch fangen kann.

Wie viel kann man auch falsch machen aus Unwissenheit? 

Wenn ich zu viel auf einmal einführen will, verwirre ich den Torhüter. Dinge, die ich neu mache, müssen wiederholt werden; das ist im Mannschaftstraining nicht anders, wenn wir neue Abläufe einstudieren. Wiederholung schafft Verbesserung. Ich kann natürlich auch Fehler wiederholen, aber man sollte dennoch keine Angst haben. Wenn man sich selbst unsicher ist, kann man sich Unterstützung suchen.

Ein Torwarttrainer kostet jedoch vielleicht Geld, das nicht da ist … 

Einige Vereine haben mit sehr viel Erfolg einen Torwarttrainer installiert, der mit allen Teams arbeitet. Da finden sich übergreifend in unregelmäßigen Einheiten Jugend- oder Erwachsenentorhüter zusammen oder der Torwarttrainer kommt vereinzelt auch mal ins Mannschaftstraining. Das ist finanziell oft besser umsetzbar als ein Torwarttrainer pro Mannschaft und es schafft immer noch eine besondere Förderung dieser wichtigen Position.

Denn der große Vorteil, den wir als Torwarttrainer haben: Wir haben weniger Spieler auf einmal im Training und so eine größere Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen Torhüter. Das schafft größere Erfolge. Oder, wenn man in der Jugend tätig ist, kann man auch einen Torwart aus den Erwachsenenteams um Hilfe bitten, ob er pro Monat ein- oder zweimal ehrenamtlich vorbeikommen kann.

Was ist aus deiner Erfahrung bei der Einteilung von mannschaftsübergreifenden Trainingsgruppen heraus sinnvoll? 

A- und B-Jugendliche können grundsätzlich – je nach Entwicklungsstand – mit erwachsenen Torhütern zusammen geschult werden. Der D- und C-Jugend-Torhüter braucht hingegen aufgrund der Spielkonzeption eine ganz andere Schulung; er wird viel mehr Durchbrüche parieren müssen, weil in dieser Altersklasse noch keine defensive Deckungsformation gespielt wird.

Daher müssen wir dort den Tempohandball und die Eins-gegen-Eins-Situation – Torwart gegen Werfer – trainieren, im Nahwurfbereich, bei Durchbrüchen und von den Außenpositionen. Beim HSV Hamburg, wo ich aktuell tätig bin, trainieren die Torhüter der U15 separat und die U17, U19 und U21 in einem Team.

Ab welchem Alter ist Torwarttraining generell sinnvoll? 

Ab der D-Jugend werden die Würfe härter und ich brauche mehr Technik, um die Bälle zu halten. Dort sollte man auf jeden Fall beginnen, denn wir haben die Erfahrung gemacht: Wenn ein Torhüter zu spät mit dem Techniktraining beginnt, ist er ab der C-Jugend schnell überfordert, wenn die Würfe härter werden und mehr Bälle über die Außenposition kommen. Je früher sie Technik erlernen, desto schneller werden sie auch einen Spaß am Torwartspiel haben. Und auch der Deutsche Handballbund hat das in der Rahmentrainingskonzeption inzwischen angepasst und nennt die D-Jugend als Startalter für Torwarttraining.

Und in der E-Jugend? 

Da sollte jedes Kind auch mal ins Tor gehen, wenn es das möchte. Man kann den torwartbegeisterten Kindern aber auch schon ein paar Hilfen geben. Sie sollen schulterbreit stehen, die Arme leicht nach oben gebeugt, in den Knien wippend und Hände oben haben, um schnell am Ball zu sein und den Kopf zu schützen. Außerdem gilt: Hände seitlich vor dem Gesicht, denn was du sehen kannst, kannst du kontrollieren.

Abschließend: Was ist das Minimum, das jeder Trainer leisten kann – oder muss? 

Die Torhüter im Training im Blick haben und zu wissen, dass die meisten Torhüter die größten Defizite im Rahmen der Beinarbeit haben. Ihren Mut zu schulen, die Augen möglichst lange offen zu halten, denn umso länger ich den Ball sehe, umso länger werde ich die Möglichkeit haben, ihn zu haben. Und ich verspreche, dass man schnell Erfolge sehen wird. Gerade Vereine, bei denen Torhüter als Torwarttrainer in Jugendmannschaften gekommen sind, haben gute Fortschritte erzielt. Wenn du ehrgeizige Torhüter hast – und das sind die meisten Verrückten, die sich freiwillig ins Tor stellen – wollen sie sich auch verbessern und davon profitiert am Ende die ganze Mannschaft.