„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

„Jeder Trainer tappt zu leicht in die Vertrauensfalle.“ – Interview mit Vanja Radić

13. Januar 2026| Marc Fasthoff

Vanja Radić ist diplomierter Sportlehrer, A-Lizenz-Inhaber und EHF Master-Coach. Aktuell trainiert der 40-Jährige den Männer-Zweitligisten Dessau-Roßlauer HV. 2022 erschien sein Buch „Handball TAKT: Moderne Methoden für spielnahes Training. Im Interview spricht Radić über die „Vertrauensfalle“, in die auch er selbst als Trainer immer wieder tappt und verrät, wie er versucht, diese zu umgehen … 

 

Vanja, als Trainer hat man bis zu 16 Spieler auf der Bank sitzen, aber nur sieben Spieler können gleichzeitig spielen. Inwiefern gibt es überhaupt eine richtige Aufstellung?

Es ist das höchste Ziel jedes Trainers, die beste Aufstellung zu finden. Ich glaube jedoch, dass jeder Trainer – von den Minis bis zu den ganz großen Profis in der Champions League – dabei immer wieder zu leicht in die „Vertrauensfalle“ tappt.

Was verstehst du unter einer Vertrauensfalle?

Die Vertrauensfalle beschreibt eine Situation, in der Trainer über längere Zeit starkes Vertrauen in einen bestimmten Spieler auf einer Position entwickeln. Dieses verfestigte Vertrauen führt dazu, dass Alternativen kaum Einsatzzeiten erhalten und – wenn sie spielen – unter höherem Druck und mit ungleicher Erwartungshaltung bewertet werden. Fehler des Ersatzspielers wiegen schwerer, während Leistungen des Stammspielers eher geschützt werden. Dadurch entsteht schrittweise Misstrauen zwischen Trainer und Spielern sowie innerhalb der Mannschaft, was die Entwicklung, Leistungsfähigkeit und den Teamzusammenhalt negativ beeinflussen kann.

Es gibt aber nun einmal Spieler, die besser sind als andere – das ist Fakt, oder?

Wenn eine Aufstellung gut funktioniert, lässt ein Trainer oft immer wieder diese Aufstellung anfangen. Das stimmt, aber das ändert nichts an der Vertrauensfalle. Irgendwann muss ich wechseln, weil einer meiner sechs Spieler müde ist oder sich verletzt hat oder eine rote Karte bekommt. Und wen habe ich auf der Bank, um ihn einzuwechseln? Einen Spieler, der kalt und unsicher ist, weil er mein Vertrauen vorher nicht gespürt hat. Er kommt rein und macht einen Fehler und sofort kommt eine Korrektur. Der Kapitän hat zu diesem Zeitpunkt schon drei oder vier Fehler gemacht – ohne Korrektur. Und der eingewechselte Spieler macht jetzt wieder einen Fehler oder verwirft – und dann wechselt man ihn wieder aus und sieht sich bestätigt, warum er vorher nicht gespielt hat. Und der Spieler, der vielleicht keine erfolgreiche Aktion hatte, ist in einem noch größeren Loch begraben und so geht die Spirale weiter.

Du sagst also, als Trainer vertraut man zu oft nur den gleichen Spielern – oder zu wenig seinem ganzen Kader?

Ich habe mich selbst schon bei dem Denken ertappt, das fand ich nicht schön. Und ich bin sicher, mit dieser Vertrauensfalle kämpfen alle Trainer – und durch den Leistungsdruck wird die Vertrauensfalle meistens größer. Bitte nicht falsch verstehen: Wir schenken in der Saison niemandem Spielzeit, weil wir ihn toll finden. Es ist ein Leistungssport, aber wenn deine ersten sechs Spieler nicht funktionieren, müssen die anderen eine ehrliche Chance erhalten, es gut zu machen. Und das können sie nur, wenn wir ihnen vorher schon vermitteln, dass wir ihnen vertrauen.

Wie meinst du das?

Man muss sich eine Sache immer vor Augen führen, die ich eben schon erwähnt habe: Spieler Y kommt von der Bank und macht einen Fehler, aber Spieler A hat zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich schon genauso viele Fehler oder mehr gemacht, aber das bemerken wir nicht auf die gleiche Weise. Das ist die Vertrauensfalle: Während wir bei Spieler A daran glauben, dass er das schon regelt, gehen wir bei Spieler Y davon aus, das es nichts wird – und dann wird es eben auch nichts. Es ist sehr wichtig, aus diesem Denken rauszukommen, denn als Trainer ist es meine Aufgabe, dem Spieler zu helfen. Wenn ich einen Spieler mental zerstöre, weil ich kein Vertrauen zu ihm habe, dann hat die Mannschaft das auch nicht, aber wie soll es laufen, wenn dieser Spieler muss, wenn sich der Kapitän verletzt?

Vermutlich wird das nicht funktionieren…

Interessanterweise habe ich hin und wieder erlebt, dass es genau andersherum ist. Ein Spieler, mit dem man vorher unzufrieden war, der seine Leistung nicht zeigen kann, muss nach einer Verletzung reinkommen – und plötzlich kann er wieder Handball spielen. Oder wenn die Entscheidung gefallen ist, seinen Vertrag nicht zu verlängern, fängt der Spieler auf einmal an, gut zu spielen. Statt der durch fehlendes Vertrauen angespannten Beziehung zwischen Trainer und Spieler herrscht ein „Jetzt ist es auch egal“-Modus beim Spieler und das führt zu einer neuen Lockerheit. Das ist aber immer ein Risiko und darauf kann ich als Trainer schlecht bauen. Daher: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen wir, dass wir in dieser Vertrauensfalle stecken. Und das tut dem Spieler, der Mannschaft und auch dem Trainer selbst nicht gut, weil so ein festgefahrenes Denkmuster einen einschränkt.

Was wäre deine Schlussfolgerung aus diesen Gedanken zur Vertrauensfalle?

Es ist eine hohe Kunst, aus dieser Falle rauszukommen, aber es lohnt sich, denn sie ist nicht gut für das Mannschaftsklima und nicht immer erfolgsversprechend. Wir müssen uns fragen: Wie managen wir es, dass wir allen Spielern Vertrauen vermitteln? Man hat die Spieler ja geholt, weil sie Qualitäten mitbringen – und wenn sie unter einem nicht gut spielen, sollte man das hinterfragen. Ich sage: Alle Spieler brauchen die gleiche Aufmerksamkeit und die gleiche Chancen. Und der Grundstein wird immer in der Vorbereitung gelegt, weil man dort Vertrauen aufbaut.

Was ist dein Rezept für die Praxis? Denn dass es unterschiedliche Rollen in der Mannschaft gibt – Kapitän, Leistungsträger, Youngster – ist normal – ebenso wie auch die Spieler eine bestimmte Erwartung haben, wer in der Startaufstellung steht.

Wir haben eine einfache Lösung gefunden: Wir haben in der Vorbereitung alle Spiele so gestaltet, dass eine Aufstellung mit sechs Feldspielern eine Viertelstunde gespielt hat – und dann hat eine andere Aufstellung aus sechs anderen Feldspielern eine Viertelstunde gespielt. Und in der zweiten Halbzeit haben wir dann getauscht. Jeder Spieler wusste: Ich spiele diese 15 Minuten; egal, was passiert und da muss ich jetzt durch. Jeder hatte eine Verantwortung und zugleich die Sicherheit, dass er auch nicht ausgewechselt wird, wenn er Fehler macht. Nach und nach haben wir dann Spielzeiten punktuell vergrößert, aber wir haben immer Aufstellungen getauscht. Ich war am Ende der Vorbereitung begeistert von diesem Modell, weil so alle Spieler Vertrauen gespürt haben und sich zeigen konnten.

Das klingt … unorthodox

Wir sind weggegangen von dem Gedanken, dass eine Mannschaft in der Vorbereitungsphase Siege für viel Selbstvertrauen braucht, um gut in die Saison zu starten. Wir haben es mit unserem Modell geschafft, sehr viel positive Dinge rauszuholen und uns breit aufzustellen. Dadurch ist ein großer Konkurrenzkampf entstanden, aber es ist ein sehr positiver Konkurrenzkampf. Jeder Spieler ist ein kleinerer oder größerer Egoist, das gehört zum Menschsein, aber die Spieler haben es sich gegenseitig gegönnt und haben versucht, mit der eigenen Leistung zu überzeugen, weil sie wussten: Jeder kann sich zeigen. Jeder bekommt eine Chance. Wir sind damit sehr gut gefahren, das beste Beispiel ist unser Torwartduo.

Inwiefern?

Philip Ambrosius ist über 30 Jahre alt und gehört in der 2. Bundesliga zu den besten Torhütern der Liga. Er ist ein markantes Gesicht, man verbindet Dessau mit ihm. Janik Patzwaldt bildet mit ihm ein Team, er ist erst 24. Die beiden haben sich auch menschlich gefunden, es passt zwischen ihnen, und wir machen es so: Ambrosius fängt alle Heimspiele an, Patzwaldt alle Auswärtsspiele. Das ist richtig, richtig gut. Wir haben das die Hinrunde durchgezogen, das war sehr positiv für die Entwicklung von beiden Jungs und ist auch sehr positiv von der Mannschaft aufgenommen worden.

Auch das klingt eher ungewöhnlich …

Jeder Torwart hatte eine klare Aufgabe und wir wussten: Wenn einer ausfällt, wird der andere funktionieren, denn er spürt ja das gleiche Vertrauen. Wenn wir immer nur mit Ambrosius als erfahrenem Torwart angefangen würden und Patzwaldt sitzt zwei Jahre auf der Bank, wissen wir nicht, was passiert, wenn Ambrosius sich verletzt. Die Situation jetzt hat beiden den Ansporn gegeben, mehr zu machen. Es war der Deal, dass sich einer auch den zweiten Startplatz erarbeiten kann, wenn er es schafft, zu dominieren, aber dazu kam es nicht. Wenn einer mal nicht performt, wechseln wir natürlich im Spiel, aber dass einer zwei oder drei Spiele gar nicht performt, hatten wir nicht – und darüber bin ich sehr froh.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es geht eigentlich gar nicht darum, welche sieben Spieler am Anfang spielen, sondern allen Spielern sein Vertrauen zu zeigen, damit man auch wirklich 16 Spieler zur Auswahl hat, die ihre Leistung bringen können?

Man gewinnt nicht jedes Spiel nur mit den besten Spielern auf dem Feld. Es gehört so viel dazu, weil die Sportart so komplex ist. Du kannst dir so viele Gedanken machen, wie du willst und alles versuchen, aber am Ende entscheidet ein Wurf, der gegen den Pfosten geht, ob das Spiel gut oder schlecht ausgeht. Du brauchst auch manchmal einfach Glück.

Worauf kommt es generell im Umgang mit den Spielern – mit Blick auf das Thema Aufstellung bzw. Einsatzzeiten – an?

Als Trainer verbringen wir so viel Zeit in der Halle mit den Jungs – und wenn eine komische Stimmung herrscht, weil Spieler unzufrieden sind, fand ich persönlich das immer anstrengend. Wenn jeder aber weiß, warum er gerade nicht spielt oder der andere mehr spielt oder was für Chancen er bekommen wird, ist das gut. Als Trainer muss man dabei aber die Wahrheit sagen und darf keine Angst vor einem offenen und ehrlichen Gespräch haben. Es kostet Energie, sich immer wieder mit den Spielern, ihren Ansprüchen und den Problemen auseinanderzusetzen, aber man muss bereit sein, sich auf solche Gespräche einzulassen.

Du arbeitest mit Profispielern, die du oft selbst verpflichtet hast. Trainer im Amateurbereich haben diesen Luxus nicht immer, sondern müssen mit den Spielern arbeiten, die da sind, die in die Umgebung ziehen oder einfach schon ewig im Verein sind. Was ändert das?

Das kann natürlich zu gewissen Schwankungen in der Leistungsdichte einer Mannschaft führen, aber es ist trotzdem wichtig, Rollen für die Jungs zu finden, ihnen Rollen zu geben, ihnen Rollen zu schenken, die ihre Wertschätzung steigern. Und ich muss fair sein: Wenn jemand, der nicht geradeaus laufen kann, bei mir in der Oberliga-Mannschaft spielen will, weil wir die einzige Herrenmannschaft im Verein sind, muss ich ihm sagen, dass er bei mir keine Spielzeit bekommen.

Wenn es „nur“ darum geht, dass ein Spieler leistungsmäßig gegenüber seinem Positionskollegen abfällt, kann man als Trainer eventuell kreativ werden. Vielleicht versteckt sich ein Siebenmeterwerfer-Talent oder ein Abwehrspezialist in einem Spieler, den ich ansonsten nicht so stark einschätze – oder er kann Überzahlsituationen auf der Mitte viel besser lösen als der Kapitän, der sonst der Stammspieler auf der Mitte ist. Wenn ich es schaffe, ihn für seine Rolle zu stärken und ihm für diese Momente die Aufmerksamkeit schenke, tut das sowohl seinem Selbstbewusstsein als auch der Zusammengehörigkeit des Teams gut.

Und so finde ich vielleicht auch einen Weg aus der Vertrauensfalle, weil der Spieler, dem ich vorher nicht so viel zugetraut habe, nach und nach aufblüht, weil er ein gewisses Vertrauen spürt. Und generell muss mein Stamm-Rückraumspieler nicht 60 Minuten durchkeulen – fünf Minuten kann man ihn entlasten, um ihm verletzungs- und leistungsprophylaktisch eine Pause zu geben und zugleich einen anderen Spieler aufzubauen.

Die Atempause ist nur ein Grund für einen Wechsel. Oft wird gewechselt, wenn etwas nicht geklappt hat. Wie kann es gelingen, dass ein Wechsel nicht als Strafe empfunden wird?

Es ist wichtig, den Sportler nicht einfach liegen zu lassen. Wir sind als Trainer vielleicht frustriert und wollen mit dem Wechsel durchgreifen, aber der Spieler ist auch unzufrieden mit sich selbst, mit der Welt und mit allem Drum und Dran. Dann muss ich als Trainer einen Weg aufzeigen, wie er eine Situation besser lösen kann. Damit meine ich übrigens nicht, dass es keinen Anschiss geben darf. Das gehört auch dazu, wenn ein Spieler zum Beispiel in Überzahl den Wurf über einen Doppelblock nimmt (schmunzelt).

Du sagtest mit Blick auf eure Vorbereitung, dass sich jeder habe zeigen können. Nun sind wir aktuell mitten in der Saison. Was wäre dein Tipp für die aktuelle Periode, wie ein Trainer seinen Spielern diese Möglichkeit geben kann?

Sich im Training überwinden und den Spielern, die vielleicht nicht so im Fokus standen, die Chance eröffnen, immer wieder mit der „ersten“ Aufstellung zu spielen. Natürlich kristallisiert sich irgendwann eine erste Sechs heraus, aber als Trainer kannst du im Training den Mut haben und das brechen. Wir spielen fast immer mit „gemischten“ Teams. Man muss nicht alles verändern, es macht schon viel, wenn man nur den Mittelmann, den Rückraumlinken oder den Kreisläufer tauscht. So baue ich immer wieder andere Spieler ein und will ihnen damit Selbstvertrauen geben.

Während im professionellen Bereich eine genaue Kaderplanung vorgenommen wird, kann es im Amateurbereich positionsmäßig auch mal eine gewisse Unausgewogenheit im Kader geben. Was hat das für Folgen?

Ich habe früher selbst im Amateurbereich gearbeitet, sowohl im Nachwuchs- als auch Erwachsenenbereich und das ist dort sicherlich eine herausfordernde Aufgabe. Sie ist trotzdem ziemlich einfach zu lösen: Es ist wichtig, sich mit der großen Gruppe hinzusetzen und Ziele zu formulieren. Die Ziele sind für eine Amateurgruppe viel wichtiger als für eine Profimannschaft, denn für Profis ist es selbstverständlich, warum sie im Training sind. Im Amateurbereich wissen die Spieler das oft nicht – oder es unterscheidet sich extrem (lacht). Einer will abnehmen, einer will lieber eine Flasche Bier mehr trinken, einer hat immer schon in der 1. Mannschaft gespielt, einer ist wegen seinen Freunden da und einer will unbedingt aufsteigen: Das ist mitunter eine wilde Mischung, die oft der Stimmung nicht hilft. Wenn man jedoch klar gesprochen hat, was die Mannschaft will, welches Ziel sie verfolgt, wird daraus klar, was das für die Aufstellung bedeutet. Die Vertrauensfalle gibt es dort auch mitunter auf anderer Ebene.

Wie meinst du das?

In vielen Amateurvereinen sind die Eitelkeiten manchmal zu groß. Ein Spieler will nicht in die zweite Mannschaft gehen und Trainer oder Abteilungsleitung haben Angst, ihm das vorzuschreiben, weil er eine Vereinslegende ist und es ohne ihn bestimmt nicht geht. Also spielt er weiter in der ersten Mannschaft, ist dort in seiner Rolle als Alphatier, an der er festhält, eigentlich ein Störfaktor – und die, die vielleicht Legenden werden könnten, gibt man keine Chance. Daher spielen die Ziele vom Verein und die Teamziele eine riesige Rolle.

Was wäre dein Tipp, wie man die Situation gut löst, wenn man wirklich drei oder vier Spieler auf einer Position hat?

Wenn alle da sind, gibt es einen Konkurrenzkampf – und man wird sehen, wer sich durchboxt. Es kristallisiert sich oft heraus, wer die Nummer Eins ist, das ist der beste Spieler. Die anderen kämpfen dann aber trotzdem um die Nummer Zwei. Da kann ich nach Trainingsbeteiligung gehen oder verschiedene Wettkämpfe im Training machen, wo zum Beispiel die Wurfquote stimmen muss. Wichtig ist, dass jeder seine Chance kriegt. Wenn ich einem Spieler sage, dass ein anderer auf seiner Position besser ist, wird er das zunächst wahrscheinlich erst einmal nicht akzeptieren. Also muss man ihm die Möglichkeit geben, sich zu zeigen, aber unter ähnlichen Bedingungen. Wenn ich einen Spieler ohne Vorbereitung im Spiel nach 40 Minuten bringe, er ist kalt und unsicher und es funktioniert nicht, dann denke ich als Trainer schnell: Siehst du, ich wusste es. Dabei ist die Situation unfair. Ich habe Klarheit immer gemocht. Wenn jemand nicht so weit ist, muss man ihm auch empfehlen, woanders hinzugehen oder in die zweite Mannschaft zu wechseln.

Was ist im Jugendbereich in diesem Punkt vielleicht anders?

Im Jugendbereich spielt leider der Egoismus von Trainern zu oft eine Rolle, die unbedingt gewinnen wollen. Es ist natürlich richtig, gewinnen zu wollen, das wollen die Spieler ja auch, aber nichtsdestotrotz geht es um die Ausbildung und Weiterentwicklung. Diese Räume müssen wir als Trainer schaffen. So viele Talente sind untergegangen, weil sie Spätentwickler waren und Trainer andere Spieler vorgezogen haben, weil sie größer oder stärker waren. Wenn ein kleiner, flinker Spieler körperlich nicht in die 6:0-Abwehr zu passen scheint, muss man vielleicht mal taktisch umstellen oder bereit sein, auch mal ein, zwei Tore mehr zu kassieren, damit der Spieler es lernen kann. Oft passiert das nicht einmal, weil nur wir wissen, dass er abwehrschwächer ist und wir ihm nicht vertrauen – und der Gegner nimmt das gar nicht wahr, weil er überfordert ist, stur sein System spielt oder das Spiel so dynamisch ist, dass es gar nicht dazu kommt. Die meisten Tore kassiert man in der Regel über den vermeintlichen Abwehrspezialisten, weil der dort steht, wo am meisten angegriffen wird (lacht).

Was hättest du gerne am Anfang deiner Trainerkarriere gewusst, was du erst hast lernen müssen?

Die Vorbereitungsphase vernünftig zu nutzen, um Vertrauen und Entwicklung zu schenken statt zu glauben, dass man sich auf sechs, sieben Mann beschränken muss, damit die Vorbereitung vermeintlich gut läuft. Es ist viel sinnvoller, die Spielzeiten vernünftig aufzuteilen, um den Entwicklungsprozess zu forcieren und eine Mannschaft zu entwickeln, die mit einem breiten Kader in die Saison geht. Wenn ein Trainer ehrlich zu sich selbst ist, wird er sehen, dass auch er in der Vertrauensfalle tappt. Das ist menschlich. Als ich diese Schwäche bei mir entdeckt habe, hat sie mir keine Ruhe gelassen, weil es unfair ist. Ich mag Harmonie in der Mannschaft und das kann ich nur durch ehrliche Arbeit und eine ehrliche Chancenverteilung erreichen.

„Niemand muss jedes Training den Handball neu erfinden.“ – Interview mit Malte Grintz

„Niemand muss jedes Training den Handball neu erfinden.“ – Interview mit Malte Grintz

„Niemand muss jedes Training den Handball neu erfinden.“ – Interview mit Malte Grintz

10. Dezember 2025| Marc Fasthoff

Malte Grintz erreicht über seinen Kanal handballhacks jeweils mehr als 10.000 Abonnenten bei Instagram und Youtube. Insgesamt hatten seine Clips auf der Videoplattform in den vergangenen fünf Jahren über drei Millionen Aufrufe.

 

Der B-Lizenz-Inhaber, der von Mini- bis zu Männermannschaften in allen Altersklassen aktiv war, will anderen Trainern mit seinen Videos neuen Input geben und Wissen vermitteln. Im Interview spricht er über Improvisation bei der Trainingsplanung sowie die Bedeutung von Spaß im Training und verrät die Frage, die ihm am häufigsten gestellt wird

Malte, die meisten Trainer abseits des Profihandballs sind nicht in Vollzeit Trainer, sondern gehen der Aufgabe im Ehrenamt zwischen Familie, Beruf und sonstigen Verpflichtungen nach. Da kommt, so ehrlich muss man sein, die Trainingsvorbereitung manchmal zu kurz. Was würdest du den Trainern sagen, die auf dem Weg zum Training denken: Was mache ich denn heute nur in der Einheit?

Wenn ich gar nichts für das Training vorbereitet habe, würde ich aus dem Stegreif auf die Sachen zurückgreifen, von denen ich weiß, dass sie meiner Mannschaft in der Vergangenheit Spaß gemacht haben. Ich bin überzeugt: Aus ein Training, was der Mannschaft Spaß macht – selbst, wenn wir keinen gut ausgearbeiteten Schwerpunkt haben – werden die Spieler trotzdem etwas mitnehmen – und sei es nur, dass die Stimmung gut ist. Das ist viel, viel besser, als sich auf Zwang und unter Zeitdruck im Auto noch ein vermeintlich tolles oder anspruchsvolles Programm auszudenken, denn oft funktionieren die Übungen nicht, es macht keinen Spaß und das wirkt sich negativ auf die Stimmung aus.

Ohne zu wissen, was einer Mannschaft konkret Spaß macht: Wie würdest du die Einheit angehen?

Ich würde überlegen, welches Aufwärmspiel meine Spieler gerne machen: Womit habe ich super Erfahrung gemacht? Und dann würde ich probieren, diesen Flow durch spaßige bzw. spielerische Übungen beizubehalten. Viele Zweikämpfe, viel kreatives Spiel, viele Torwürfe machen einer Mannschaft in der Regel immer Spaß. Insofern würde ich auf Grundübungen nahezu komplett verzichten und stattdessen in Grundspiele gehen, 2:2, 3:3 oder 4:4.

Und vor allem: Sich als Trainer nicht selbst unter Druck setzen oder Selbstvorwürfe machen?

Das ist ein sehr guter Punkt. Die meisten Trainer machen es eben – wie du eingangs gesagt hast – nicht in Vollzeit, sondern bekommen eine Aufwandsentschädigung von vielleicht 50 oder 100 Euro im Monat und  fahren oft direkt vom Job ins Training. Jeder Trainer, der bereit ist, sich unter diesen Bedingungen in die Halle zu stellen, ist erst einmal gut für die Spieler und den Handball, denn er ist der Grund, dass seine Mannschaft überhaupt Training bekommt und am Spielbetrieb teilnehmen kann. Dass man dann auch mal nicht topvorbereitet ist, ist überhaupt nicht schlimm – das ist ja in der Regel kein Dauerzustand.

Für Anfänger, die ja oft extrem hohe Ansprüche haben – ähnlich wie neue Schiedsrichter, die bloß keinen Fehler machen wollen – dürfte es eine Beruhigung sein, wenn sie merken: Jeder Trainer ist mal nicht vorbereitet

Hundertprozentig, das ist mir auch passiert. Je erfahrener man als Trainer wird, desto weniger schlimm wird das im Einzelfall, weil man mehr Sachen abgespeichert hat, die man aus dem Hut zaubern kann. Die Kinder und Jugendliche und auch viele Erwachsene im Amateurbereich kommen zum Handball, weil sie Spaß haben wollen – und wenn sie Spaß haben, ist erst einmal alles gut. Alles andere ist ein Bonus obendrauf.

Da würde dir so manch ambitionierter Trainer wahrscheinlich widersprechen

Ich würde es dem ambitionierten Trainer, der hohe Ziele erreichen will, auch weniger verzeihen, wenn er sein Training nicht vorbereitet. Wer aufsteigen will bzw. soll oder vom Verein verpflichtet wurde und entsprechend einen Vertrag besitzt, der sollte natürlich andere Ansprüche an sich selbst haben – und die Ansprüche erfüllen, die vom Verein an ihn gestellt werden.

Im Gegensatz dazu haben Trainer an der Basis oft keine Lizenz, es ist ein Learning by Doing, vielleicht sind es sogar Eltern ohne große Handballerfahrung, die helfen wollen. Was würdest ihnen in Punkto Trainingsplanung mitgeben?

Ich würde an dieser Stelle gerne zwischen Kinderhandball und dem Handball ab der C- oder B-Jugend unterscheiden. In den Kinderhandball gehören für mich ganz, ganz, ganz viele Spielformen. Gib den Kindern am Anfang Zeit zum Toben, mach Spiele mit und ohne Ball, sorge für viel Bewegung und Spaß. Dabei ist es sinnvoll, Übungs- und Spielblöcke abzuwechseln. Wenn ich zehn Minuten gespielt habe, mache ich zehn Minuten eine Technikübung, wo die Kinder sich verbessern können – und dann wieder ein Spiel, wo die Technik aus der Übungsphase angewendet wird.

Und im Handball ab der C- oder B-Jugend?

Auch da würde ich mit einem Aufwärmspiel starten, dann vielleicht eine Pass-, Koordinations- oder Athletikübung einbauen – und dann gehört zu jeder Einheit für mich eine Torwartübung dazu. Die Feldspieler können auch im Jugendbereich schon für den Torwart arbeiten, sie müssen lernen, dass der Torwart ein superwichtiger Teil ist und sie eben nicht immer nur im Training einfach werfen können, weil jemand hintendrin steht, sondern dass man sich auch um ihn kümmern muss. Danach geht es dann in den Schwerpunkt, wobei sich auch hier Spiel- und Übungsblöcke abwechseln können.

Was durchklingt, unabhängig von der Altersklasse: Auf jeden Fall für Abwechslung sorgen, ja?

Wir wollen wiederholen, ohne zu wiederholen. Das Sprichwort dürften viele Trainer kennen; ich weiß gar nicht, von wem ich es gelernt habe. Denn selbst, wenn wir thematisch öfter den gleichen Schwerpunkt setzen, wir wollen ihn möglichst immer ein bisschen anders angehen. Die Spieler sollen nicht wissen, was genau passiert, wenn sie in die Halle kommen. Wenn es immer der gleiche Ablauf mit den gleichen Übungen ist, sinkt der Spaßfaktor. Im Idealfall wollen wir die Spieler bei jeder Einheit ein bisschen überraschen.

Womit hast du deine Spieler mal am meisten überrascht?

Ich habe eine A-Jugend trainiert, wir haben damals in der Oberliga oben mitgespielt. Wir hatten auswärts ein Spitzenspiel bei der einzigen Mannschaft, die ohne Harz gespielt hat. Meine Spieler hatten null Bock, sie haben sich vorher schon beschwert, dass die Bälle schlecht fliegen und haben sich ausgemalt, dass sie ja ohne Harz auf jeden Fall verlieren.

Mit dieser Mannschaft hatten wir ein wöchentliches Athletiktraining in einer kleinen Halle, wo wir auch nicht harzen durften. Dort haben wir immer Hockey zum Aufwärmen gespielt. Ich habe die Schläger und unseren weichen Ball, mit dem wir das gespielt haben, mit zum Spitzenspiel nach Münster genommen und meine Jungs vor dem Spiel 20 Minuten Hockey spielen lassen, bevor das normale Aufwärmen gestartet ist. Das war eine geile Aktion, die Gegner waren verwirrt und meine Mannschaft war happy. Das hat den ganzen Druck rausgenommen und wir haben eins unserer besten Spiele gemacht.

In einer anderen Mannschaft haben wir immer mal wieder Traumreisen, geführte Meditationen oder einfach Geschichten vorgelegen zum Cool Down am Ende der Trainingszeit.

Wenn du sagst, dass man als Trainer die Spieler immer ein bisschen überraschen möchte: Wie kreativ muss ein Trainer sein?

Ich würde gar nicht behaupten, dass Trainer so kreativ sein müssen. Viele Trainer sagen, dass es ihnen schwer fällt, sich neue Übungen auszudenken oder neuen Input brauchen, aber sie gehen das Thema Kreativität aus meiner Sicht falsch an. Sich vor ein leeres Blatt zu setzen und eine komplett neue Übung zu schreiben, ist nicht notwendig.

Sondern?

Vielen Trainern wird es leichter fallen, kreativ zu arbeiten, wenn sie sich etwas nehmen, was sie bereits kennen und das so variieren, dass es zu ihrer Mannschaft und ihrem Schwerpunkt passt. Man kann durch Vorbelastung, Nachfolgebelastung, verschiedene Auftakthandlungen ganz neue Übungen auf bekannter Basis bauen. Es lassen sich auch aus verschiedenen Übungen einzelne Dinge herausziehen und zu einer neuen Form zusammenbauen. Niemand muss jedes Training den Handball neu erfinden.

Hast du das Gefühl, dass das die Erwartung von Trainern an sich selbst ist?

Ich hatte häufiger Gespräche mit Trainern, die mich vor ihrer Lehrprobe in der C-Lizenz um Hilfe gebeten haben und wollten, dass ich über ihren Entwurf schaue. Ein Muster, das sich dabei wiederholt hat: Die Trainern wollten ein Übungsfeuerwerk abfeuern, dabei ist das gar nicht notwendig. Die Übungen müssen einfach nur ihren Zweck erfüllen und zum Schwerpunkt passen – und den Spielern Spaß machen!

Trainer wenden sich über deine Kanäle immer noch mit Fragen an dich, du merkst so, was sie beschäftigt. Was ist die Frage, die am häufigsten gestellt wird?

Neben den Nachfragen, welche ich Übungen ich zu einem konkreten Thema habe, kommt eine Frage fast jede Woche: Mein Spieler ist im Training supergut, aber kann das im Spiel nicht abrufen. Was soll ich machen? Da sage ich dann meistens: Das Training ist vermutlich nicht spielnah genug ist. Die Spieler müssen im Training unter ähnliche Druckbedingungen gesetzt werden wie im Spiel. Im Training ist die Abwehr beispielsweise häufig passiver als im Spiel. So hat mein Spieler im Training zwei Sekunden für die Entscheidung, im Spiel aber nur eine halbe Sekunde und das schon unter Körperkontakt. Wenn wir die  Intensität und die Druckbedingungen jedoch anpassen, werden die Angreifer lernen, sich durchzusetzen – und können dann auch im Spiel gut agieren.

Abschließend: Was ist deine Motivation? Warum entscheidet man sich, Trainer von Trainern zu werden?

Nachdem ich meine B-Lizenz gemacht hatte, war ich in der Trainerausbildung tätig. Mich hat es aufgeregt, wie wenig Fort- und Weiterbildungen es gibt – und wenn es welche gibt, muss man noch das Glück haben, dass man a) an dem Termin Zeit hat und b) sie räumlich in der Nähe sind. Daher habe ich angefangen, Videos bei Youtube hochzuladen. Ich bin vielleicht nicht der beste Trainer, aber ich habe zumindest ein bisschen Wissen, dass ich weitergeben wollte – gerade für die Einsteiger, die Neulinge, die Handball-Eltern. Denn nicht jeder hat die Zeit und das Geld, 120 Einheiten für die C-Lizenz zu absolvieren, aber 15 Minuten am Abend, um sich ein Youtube-Video anzugucken, das hat jeder. Der Bedarf war riesig und so hat es sich entwickelt – ich habe neben Übungen nach und nach auch Trainingseinheiten, Fortbildungen und Videokurse angeboten und inzwischen ist das mein Job.

Es gibt inzwischen gerade auf Social Media verschiedenste Kanäle, die Übungen und Videoclips veröffentlichen. Was wäre dein Ratschlag an junge und noch unerfahrene Trainer, die sich Input holen wollen, worauf sie dabei achten sollten?

Macht einen Unterschied zwischen Personen und Accounts. Wenn es eine Person ist, die einen Account betreibt – und da gibt es viele gute Leute – kann man sich wirklich super inspirieren lassen. Man folgt in diesem Fall einer Person, deren Übungen einem gefallen und wo einem die Philosophie gefällt – man bekommt oft auch Erklärungen und weiß, in welchem Kontext die Übungen stehen. Das weiß man bei anonymen Handball-Accounts, die einfach massenhaft Content rausballern von verschiedensten Mannschaften nicht; da kann man nicht sicher sein, wer dahintersteckt oder warum diese Übung gemacht wird. Von solchen Kanälen würde ich mich fern halten, sondern lieber echten Personen folgen.

„60 Minuten LIVE“ in Kiel – ein Abend voller Impulse, Austausch und echter Handballleidenschaft

„60 Minuten LIVE“ in Kiel – ein Abend voller Impulse, Austausch und echter Handballleidenschaft

„60 Minuten LIVE“ in Kiel – ein Abend voller Impulse, Austausch und echter Handballleidenschaft

10. Dezember 2025| Marc Fasthoff

Unsere Veranstaltung „60 Minuten LIVE“ in der Wunderino Arena Kiel am 18. November 2025 war erneut ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie wertvoll der persönliche Austausch unter Trainerinnen und Trainern ist.

 

„60 Minuten LIVE“ in Kiel – ein Abend voller Impulse, Austausch und echter Handballleidenschaft – Bericht des Vorsitzenden Klaus-Dieter Petersen

Liebe Mitglieder der Deutschen Handballtrainer-Vereinigung,

mehrere unserer Mitglieder waren vor Ort, um gemeinsam auf das European-League-Spiel THW Kiel gegen BSV Bern vorauszublicken – ein Duell, das bereits im Hinspiel vor einer Woche für große Begeisterung sorgte. Die Halle in Bern war erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte restlos ausverkauft, die jungen Spieler zeigten starke Leistungen, und rund 40 Berner Fans reisten nun zum Rückspiel an die Ostsee, um ihre Mannschaft zu unterstützen.

Doch im Mittelpunkt unseres Treffens standen nicht nur die Fakten rund um dieses Europapokalspiel, sondern vor allem die inhaltlichen Schwerpunkte der Fortbildung, die von allen Teilnehmenden mit Spannung verfolgt wurden und wertvolle Impulse für das tägliche Handballleben lieferten.

Ein zentraler Baustein war die Frage: Wie gehe ich als Favorit in ein Spiel? Die Trainerinnen und Trainer diskutierten intensiv darüber, wie ein Team selbstbewusst auftreten, zugleich aber Demut bewahren kann. Kiel dient hier als Leitbild: „Wir haben den Anspruch zu gewinnen“, lautet die klare Haltung – ohne dabei in Arroganz zu verfallen. Druck wurde nicht als Belastung, sondern als positive Energiequelle betrachtet. Die Favoritenrolle könne Kraft geben, wenn man sie richtig nutzt. Gleichzeitig wurde betont, dass Prozesse vor Ergebnissen stehen: frühe Stabilität in der Abwehr, klare Strukturen, Tempo von Beginn an und Handlungssicherheit sind entscheidend. Auch Widerstand müsse einkalkuliert werden, denn ein motivierter Gegner kann jederzeit überraschen. Erfolg entstehe im Kollektiv – hohe Intensität aller Spieler und eine starke Teamverantwortung seien Voraussetzung, um Kontrolle über das Spiel zu behalten.

Ebenso spannend war der Abschnitt „Wie gehe ich als Außenseiter in eine Partie?“ Hier standen Mut, Selbstvertrauen und Unberechenbarkeit im Fokus. Außenseiter sollten sich nicht einschüchtern lassen, sondern in ihre eigenen Stärken vertrauen. Überraschende Aktionen, flexible taktische Lösungen und ein konsequentes Nutzen der eigenen Chancen können den vermeintlich Großen ins Wanken bringen. Viele unserer Mitglieder nahmen diesen Teil als besonders wertvoll für ihre Arbeit im Nachwuchs-, Amateur- und Leistungsbereich wahr.

Hochrelevant war schließlich der Themenblock „Wie bereite ich mein Team auf einen Angstgegner vor?“ Jede Trainerin und jeder Trainer kennt Situationen, in denen frühere Niederlagen das Denken beeinflussen. Der Fortbildungsteil betonte daher die mentale Komponente: Wer nur an die Vergangenheit denkt, verliert schon vor dem Anpfiff. Stattdessen sei der Fokus klar auf das eigene Spiel zu richten. Rituale und Routinen können helfen, Sicherheit aufzubauen und Nervosität zu senken. Ebenso wichtig sei es, positive Erlebnisse im Gedächtnis zu verankern – Spiele, in denen man auch unter Druck erfolgreich war. Der Begriff „Angstgegner“ sollte entzaubert werden, indem man ihn als normale sportliche Herausforderung betrachtet und nicht als unüberwindbare Hürde.

Neben diesen inhaltlichen Punkten war der Abend geprägt von Begegnungen: Das Meet & Greet mit den U17-Weltmeistern sowie zahlreichen Nachwuchsspielern der Handballregion Kielerförde zeigte eindrucksvoll, wie professionell und engagiert der Verein seine Talente fördert. Aktionen wie die Unterstützung von UNICEF, ein Quiz zu Kinderrechten in der Halbzeitpause sowie die Initiative „Weihnachten im Schuhkarton“ verdeutlichten zudem das soziale Engagement des THW Kiel und rundeten den Abend mit einem wichtigen gesellschaftlichen Aspekt ab.

Alle Trainerinnen und Trainer, die an diesem Abend teilnahmen, hörten mit großer Aufmerksamkeit zu und nahmen vielfältige Inhalte mit in ihren Trainings- und Spielalltag. Es war eine rundum gelungene Veranstaltung, in der wir als Gemeinschaft gezeigt haben, wie stark wir für den Handball stehen – fachlich, menschlich und miteinander verbunden.

Mit sportlichen Grüßen

Euer Pitti

Klaus-Dieter Petersen

Vorsitzender der Deutschen Handballtrainer-Vereinigung (DHTV)

Workshop „Gemeinsam statt Einsam“ in Potsdam

Workshop „Gemeinsam statt Einsam“ in Potsdam

Workshop „Gemeinsam statt Einsam“ in Potsdam

19. November 2025| Marc Fasthoff

Am 21. November laden unsere Vorstandsmitglieder Alexander Haase und Marc Fasthoff zur nächsten Ausgabe unserer Fortbildungsreihe „Gemeinsam statt einsam“. Thema des Workshops: „Spielvorbereitung und Spielleitung“. Alle Informationen gibt es in der folgenden Ausschreibung.

 

Dass wir knappe Entscheidungen haben, macht den Handball aus.“ – Interview mit Kay Holm

Dass wir knappe Entscheidungen haben, macht den Handball aus.“ – Interview mit Kay Holm

Dass wir knappe Entscheidungen haben, macht den Handball aus.“ – Interview mit Kay Holm

9. November 2025| Marc Fasthoff

Wenn jemand wissen muss, ob das Handball-Regelwerk zu kompliziert ist oder nicht, dann er: Kay Holm ist Leiter Lehre im Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes. Für den „Tag des Schiedsrichters“ am 11. November stand Holm Rede und Antwort zu den Paragrafen, die das Gerüst für unsere Sportart bilden… 

 

Kay, hin und wieder hört man die Feststellung, dass die Regeln im Handball zu kompliziert sein im Vergleich zu anderen Sportarten wie dem Fußball, was man als Zuschauer sofort versteht. Als derjenige, der das Regelwerk auf höchster Ebene lehren soll: Wie kompliziert ist das Handball-Regelwerk wirklich? 

Ich muss ein bisschen schmunzeln, denn auch für den Handball-Zuschauer ist Handball grundsätzlich erst einmal einfach zu verstehen. Der Ball muss in das Tor und die Grundregeln sind einfach. Wenn es um Feinheiten und bestimmte Bereiche geht, dann muss man sicherlich genauer hingucken, aber Ausnahmen bestätigen ja immer die Regel (lacht). Das ist übrigens beim Fußball nicht anders – wenn ich an die Regeln zu Handspiel und Abseits denke, ist das auch kompliziert genug. In den Feinheiten kann keine Sportart für sich in Anspruch nehmen, einfach zu nehmen.

Dass man drei Schritte machen und nicht in den Kreis treten darf, mag einfach zu erklären sein, aber die Anwendung von Regeln zu Abwehr durch den Kreis, Stürmerfoul und passivem Spiel sind schwieriger zu vermitteln. So bleibt die Frage: Ist das Handball-Regelwerk zu kompliziert – oder einfach nur komplex? 

Ich stimme uneingeschränkt zu, dass unser Regelwerk komplex ist. Wenn man alle Regeln berücksichtigen und das gesamte Spiel unter taktischen Gesichtspunkten verstehen will, ist es unfassbar komplex. Alleine, wenn wir uns den Anwurf anschauen, ist das aus Schiedsrichtersicht schon höchst kompliziert, weil man für den Anpfiff nicht nur auf Körperteile von Angreifern und Abwehrspielern und den Ball gucken muss, sondern die Anwurfzone als auch den fiktiven Korridor im Blick haben muss. Das sind alles verschiedene Faktoren, die man gleichzeitig bewerten muss. Zum Glück hatten wir eine Vereinfachung im Sommer (mehr zum Anwurf lest ihr hier); dass die Spieler diese noch nicht immer umsetzen, ist etwas anderes…

Das war jetzt die Schiedsrichter-Sicht (Kay Holm nickt). Mir ging es allerdings weniger um die Schiedsrichter-Perspektive, sondern um die Frage: Ist das Regelwerk für den „normalen“ Handball-Fan sowie die Fernsehzuschauer, die sich anders als ihr nicht täglich mit den Regeln auseinandersetzen, zu kompliziert? 

Das ist zugegeben ein schwieriger Punkt. Von den Schiedsrichtern wird die Regelkenntnis und die Umsetzung der Regeln erwartet, aber das Spiel soll zugleich attraktiv und verständlich für den Zuschauer sein. Und das sind unterschiedliche Perspektiven, die wir unter einen Hut bekommen müssen.

Der Handball ist attraktiv, wenn es ein schnelles Spiel ist, wenn viele Tore fallen und eine gesunde Härte zugelassen wird, weil Zweikämpfe zu unserem Sport gehören. Das muss jedoch mit dem Regelwerk einhergehen, damit es nicht zu einer erhöhten Verletzungsgefahr und unfairem Spiel kommt. Es ist ein Vabanquespiel: Die Attraktivität und der Kampf für die Zuschauer auf der einen Seite und die Betrachtung unser Regel-Gesichtspunkten durch die Schiedsrichter.

Ein Dauerthema – sowohl auf euren Lehrgängen als auch in der Diskussion der Fans – sind die Fifty-Fifty-Entscheidungen. Ein Tor ist eine schwarz-weiß Entscheidung, ein Stürmerfoul das Paradebeispiel für eine Fifty-Fifty-Situation, die mal so und mal so gewertet werden kann. Inwiefern ist diese Unschärfe ein Problem für die Verständlichkeit des Handballs? 

Dass wir knappe Entscheidungen haben, macht den Handball aus. Es geht manchmal um wenige Zentimeter oder Millisekunden, aber genau das ist der Reiz. Wenn wir bei deinem Beispiel bleiben: Ob es Stürmerfoul oder Siebenmeter gibt, ist oft eine unfassbar enge Entscheidung. Wer war früher am Ort, wessen Fuß war schneller, wer hat somit den Raum zuerst besetzt? Das wird aufgrund der Geschwindigkeit und der Dynamik in unserem Sport immer eine knappe Situation bleiben, aber das ist aus meiner Sicht auch kein Problem.

Weil?

Wir haben im Handball zum einen nicht so viele wirkliche Streitereien oder unfaire Spielergebnisse durch Fifty-Fifty-Entscheidungen und wir müssen uns zum anderen aufgrund der Geschwindigkeit von dem reinen Schwarz-Weiß-Denken trennen. Unser Sport findet immer in Bewegung statt und da gibt es halt einfach knappe Situationen, die sich über die gesamte Spielzeit ausgleichen. Die Kunst als Schiedsrichter ist es, die Fifty-Fifty-Entscheidungen im Verlauf des Spiels so zu fällen, dass die gleichen bzw. ähnliche Situationen auf beiden Seiten gleich bewertet werden. Im Idealfall geschieht das auch durch die unterschiedlichen Schiedsrichter gleich, das ist die schwierige Arbeit innerhalb des Schiedsrichter-Teams.

„Die innere Waage muss ausgeglichen sein“: Das wäre wohl das dazu passende Mantra, was man von Schiedsrichtern immer wieder hört. 

Genau. Stürmerfoul war dafür ein gutes Beispiel, aber auch Schritte sind immer eine knappe Geschichte. Dabei ist die Regel theoretisch ganz klar und auch einfach zu erklären, aber auf dem Handballfeld ist sie in der Praxis für Schiedsrichter unheimlich schwierig anzuwenden.

Nach dem Regelwerk wäre genau das aber eine Schwarz-Weiß-Regel, denn entweder sind es drei oder vier Schritte… 

Handball ist aber eben kein statisches Spiel, wo man der Bewegung jedes Fußes folgen kann. Links, rechts, links: Das ist nicht möglich. Die Aktionen finden in einer hohen Geschwindigkeit statt, die Landung spielt eine Rolle, der Ball, die Wurfhand, die Bewegung mit oder gegen die Hand: Da kann kein Schiedsrichter einfach nur mitzählen. Es braucht ein Gefühl, ob es Schritte sein könnten. In den Eins-gegen-Eins-Duellen der Bundesliga kann niemand mitzählen – auch kein einziger Zuschauer -, ob es drei oder vier Schritte sind. Um das zu beurteilen, haben unsere Schiedsrichter Bilder im Kopf, wie Schrittfehler bzw. wie ein regelgerechtes Schritte-Verhalten aussieht. Wir stellen daher immer wieder Videosequenzen zur Verfügung, damit die Abläufe verinnerlicht werden.

Das Gefühl, ob es Schritte sind, die Kunst als Schiedsrichter: Das zeigt, das die Arbeit des Schiedsrichters mehr ist, als das Regelwerk auswendig zu lernen. Dennoch braucht es natürlich die Kenntnis des Regelwerks, der Erläuterungen, der Guidelines. Wie lange dauert es, bis man von sich behaupten kann, wirklich regelsicher zu sein? 

Ich habe 30 Jahre gepfiffen, davon eine lange Zeit in der Bundesliga, und bin jetzt seit acht Jahren in der Lehre im Deutschen Handballbund – und trotzdem lerne ich jede Woche noch dazu. Es gibt immer Szenen oder Ereignisse, die ich so noch nie gesehen habe. Eine Situation regeltechnisch zu bewerten, ist auch nur die eine Seite – dieses Wissen in der Praxis auf der Platte umzusetzen und vielleicht noch anderen erklären zu können, warum etwas so ist: Das ist noch einmal eine ganz andere Sache. Denn natürlich kennen unsere Spitzenschiedsrichter das Regelwerk, sie beschäftigen sich jede Woche damit, aber sie treffen trotz aller Regelsicherheit auf der Platte falsche Entscheidungen.

Wie gelingt es gerade am Anfang der Schiedsrichterkarriere, diese Regelsicherheit erst einmal zu gewinnen? 

Durch das aktive Pfeifen, aber auch das Gucken von jedem Handballspiel sammelt man Erfahrung. Jedes Spiel liefert neue Bilder und neue Perspektiven. Ansonsten kann es nicht schaden, einen Blick ins Regelbuch zu werfen – und das gerne – schönes Wortspiel – am besten regelmäßig (lacht). Das hilft extrem, um Regeln und auch Regelzusammenhänge zu verstehen. Ich muss als Schiedsrichter bereit sein, mich mit der Komplexität des Regelwerks zu beschäftigen.

Für Schiedsrichter-Neulinge bedeutet das: Am Anfang etwas nicht zu wissen, ist normal – und niemand muss von sich erwarten, dass er alles weiß? 

Auf keinen Fall muss jemand alles wissen! Wir lernen ja generell jeden Tag dazu, ob jetzt im Schiedsrichterwesen, im Beruf oder im Alltag. Jedes Spiel bietet einem die Möglichkeit, neue Szenen, neue Regeln, neue Dinge dazuzulernen. Es ist eine ständige Weiterentwicklung vom ersten E-Jugend-Spiel, in dem man oft ohne Bestrafung auskommt bis zum Oberliga- oder auch Bundesliga-Schiedsrichter. Und selbst der Bundesliga-Schiedsrichter lernt jedes Mal dazu.

Gerade neue Schiedsrichter haben oft noch das Ziel, fehlerfrei zu pfeifen … 

… wir streben alle danach, fehlerfrei zu sein, aber als Schiedsrichter muss man sich von diesem Gedanken verabschieden. Fehlerfrei pfeifen zu können, wird einfach nicht gehen; egal, in welcher Spielklasse. Das gilt für die Mannschaften übrigens ebenso; sie wollen fehlerfrei spielen, aber das geht auch nicht. Es geht vielmehr darum, möglichst wenig Fehler zu machen. Wenn man etwas noch nie selbst erlebt hat, steht man vielleicht auch mal ratlos auf dem Spielfeld. Man pfeift dann trotzdem und trifft eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Die kann falsch sein, die kann zufällig richtig sein – oder vielleicht ist sie falsch, aber die Mannschaften kaufen sie trotzdem, weil sie es  selbst nicht besser wissen. Alles ist völlig normal kommt sowohl im Amateur- als auch im Bundesligabereich vor. Das Wichtigste ist es, keine Angst davor zu haben, Entscheidungen zu treffen – und alles andere findet sich.

Zum Abschluss: Welche Regel ist die Regel, die du (wenn du es könntest) gerne vereinfachen würdest?  

Aus Perspektive der Schiedsrichter oder als Handball-Fan?

Zuerst als Handball-Fan … 

Beim passiven Spiel ist der Ermessensspielraum aus meiner Sicht immer noch zu groß – gerade im Vergleich zu den anderen Regeln. Das Gefühl des Schiedsrichters ist ausschlaggebend, ob bzw. der Arm gehoben wird oder nicht. Die Regelung mit dem vierten Pass nach dem Vorwarnzeichen ist klar, aber die Zeit davor ist nicht geregelt; da würde ich mir weniger Ermessensspielraum wünschen. Fairerweise muss ich aus Schiedsrichtersagen sagen, dass wir seit dem Sommer Hilfsmittel an die Hand bekommen haben, um zumindest unsere Schiedsrichter besser zu schulen.

Und welche Regel würdest du aus Schiedsrichter-Sicht gerne vereinfachen?

Da wäre ich beim Thema Strafmaß – und zwar nicht am Regeltext, das ist glasklar in diesem Punkt, sondern ich würde mir eine Vereinfachung in der Umsetzung wünschen, dass wir nicht so stark unterscheiden zwischen Abwehr und Angriff. Das gleiche Foul sollte im Angriff das gleiche Ergebnis bedeuten wie das Foul in der Abwehr. Wir gehen aber restriktiver gegen die Abwehr als gegen den Angriff vor, obwohl das Regelwerk nicht nicht zwischen Angriff und Abwehr entscheidet.