„Wenn ein Spieler Leistung bringt, ist sein Alter egal.“ – Interview mit Daniel Haase

11. März 2026| Marc Fasthoff

Daniel Haase ist einer der bekanntesten Nachwuchstrainer im deutschen Handball. Mit den Rhein-Neckar Löwen erreichte er mehrfach das Finale um die Deutsche Meisterschaft in der A-Jugend, im Jahr des Titelgewinns 2022 wurde er zudem als „Nachwuchstrainer der Saison“ der HBL ausgezeichnet. Im Sommer 2024 kehrte der heute 43-Jährige als Trainer der Zweitliga-Mannschaft zu seinem Jugendverein TUSEM Essen zurück, wo sein Engagement im Dezember 2025 endete. Im Interview spricht der A-Lizenz-Inhaber über die Frage, wie Anschlussförderung gelingt … 

 

Daniel, die Anschlussförderung ist in den vergangenen Jahren immer wieder ein großes Thema gewesen. Was braucht es, damit junge Spieler erfolgreich im Erwachsenenbereich ankommen?

Es ist ein Mix aus verschiedenen Faktoren. Als Verein muss ich den Mut haben, jungen Spielern die Chance  zu geben und diese Entscheidung auch dann mitzutragen, wenn es kurzfristig nicht sofort erfolgreich ist. Es braucht mitunter einen längeren Atem, bis sich der junge Spieler einfügt und der Erfolg messbar sichtbar ist. Als Trainer muss ich bereit sein, mit jungen Spielern zu arbeiten und den Mut haben, sie auch einzusetzen. Und als Spieler muss ich bereit sein, meine neue Rolle anzunehmen und vielleicht eine gewisse Geduld zu haben – auch, wenn die heutige Generation eine andere Anspruchshaltung hat.

Wie meinst du das?

Früher konnte ein Trainer einen jungen Spieler auch 20 Spiele hinter die Bank setzen und das wurde akzeptiert. Das ist heute anders. Die Spieler haben eine andere Anspruchshaltung an sich und auch an den Trainer bzw. den Verein. Jeder hat den Anspruch, zu spielen – und wenn er sieben Spiele nicht auf dem Feld steht, hat er vielleicht keinen Bock mehr. Das sollte man als Trainer wissen.

Was verändert das in der Arbeit mit jungen Spieler für den Trainer?

Ich glaube, man sollte diese Ansprüche ernst nehmen. Damit meine ich natürlich nicht, dass ein junger Spieler sich wünschen darf, was er will oder man sich als Trainer auf der Nase herumtanzen lässt, aber es ist wichtig, auf die jungen Spieler zu achten. Es braucht Erfolgserlebnisse. Dass junge Spieler zwei Jahre nur auf der Bank sitzen, gehört zurecht der Vergangenheit an. Als Trainer kann man die Integration stattdessen mit Verstand gestalten, man kann mal eine Belohnung für gute Trainingsleistung geben, man kann die Jungs bewusst über Aufgaben einbinden und mit ihnen Ziele für die Entwicklung besprechen.

Zum Beispiel? 

Als A-Jugendlicher im Herrenbereich anzukommen, ist mindestens ab der Oberliga immer ein Anpassungsvorgang. Kaum ein A-Jugendlicher kommt bei den Männern direkt zurecht, das kann man auch als Trainer auch nicht erwarten. Es hilft daher beiden Seiten, Ziele zu definieren. Wenn ein junger Spieler schnell ist, aber noch nicht den Körper mitbringt, kann man ihn schrittweise heranführen – er kommt zunächst auf der Außenposition in der Abwehr, rückt dann auf die Halbposition und geht dann irgendwann die 2. und 3. Welle mit, aber im aufgebauten Angriff spielt er eben erst, wenn er körperlich und spielerisch soweit ist. So setzt man als Trainer Leitplanken für die Entwicklung, die allen Beteiligten – dem Spieler selbst, dem Trainer, aber natürlich auch den Mannschaftskollegen – Orientierung geben.

Und das funktioniert?

Meiner Erfahrung nach gehen die meisten Spieler bei so einem Plan voll mit, weil sie so eine klare Rolle haben und sie ernst genommen werden. Einige Trainer haben vielleicht nach wie vor die Meinung, dass ein 19-Jähriger nicht so viel wert ist wie ein 30-Jähriger und sich ein junger Spieler erst einmal die Hörner abstoßen müsse, aber das ist aus meiner Sicht falsch. Letztendlich ist Handball – in der Oberliga ebenso wie in der Bundesliga – ein Leistungssport: Wenn ein Spieler die für das Niveau notwendige Leistung bringt, ist sein Alter egal. Die Mündigkeit der Spieler ist groß geworden; sie wollen spielen und nicht nach zwei Jahren erste Erfahrung sammeln, weil sie dann alt genug sind.

Was bedeutet das neue Selbstbewusstsein junger Spieler, wenn ich das so nennen darf, für die Hierarchie in einer Mannschaft?

Es hat sich ebenfalls gewandelt; auch hier spielt die Leistung inzwischen eine größere Rolle als das Alter. Wenn ein junger Spieler auf Anhieb den Anschluss findet, kann er spielerisch auch eine Führungsrolle einnehmen. Wir müssen davon weg, dass es jung und alt gibt, am Ende sollte für mich als Trainer die Qualität zählen. Qualität setzt sich durch. Und wenn ein 19-Jähriger die Qualität hat, muss ich als Trainer auch den Mut aufbringen, ihn in engen Phasen einzuschmeißen, damit er Erfahrung sammeln kann – etwas, das ältere Spieler ihm natürlich voraus haben.

Das ist ein Risiko …

Das habe ich gemerkt (lacht). Deshalb ist es wichtig, dass der Verein und auch die Mannschaft dahinterstehen, junge Spieler einzubinden und zu entwickeln. Das ist eine Philosophiefrage. Junge Spieler müssen Erfahrung sammeln und Fehler machen dürfen. Wenn der Verein, die Fans oder die Sponsoren das nach ein, zwei schlechten Spielen sofort hinterfragen, wird es Ärger geben.

Auch die Mitspieler müssen das mittragen …

Das stimmt, aber auch das ist zum einen eine Frage der Vereinsphilosophie und zum anderen ein Punkt, wie der Trainer das vermittelt. Wenn ich transparent bin, kann ich die Spieler mitnehmen. Denn bei allem Willen, junge Spieler zu fördern und zu integrieren: Es gehört aber auch zur Wahrheit, dass es nur mit jungen Spielern auch nicht funktionieren wird. Jeder Trainer braucht erfahrene Spieler, die ihre Erfahrung weitergeben und die jungen Spieler im Training und im Spiel an die Hand nehmen. Ich glaube, dieser Faktor wird oft unterschätzt.

Inwiefern?

Mentoren innerhalb der Mannschaft sind für junge Spieler unfassbar viel wert. Die Bedeutung habe ich am Anfang sicherlich auch selbst unterschätzt, aber es hat einen großen Impact, wenn nicht nur der Trainer Informationen weitergibt, sondern die Kniffe untereinander vermittelt werden. Ein erfahrener Abwehrspieler wie Alexander Becker beim TuSEM Essen kann den jungen Spielern so viel mitgeben, was du als Trainer gar nicht schaffst. Entsprechend wichtig ist ein ausgewogener Kader, in dem die älteren Spieler vielleicht keine 60 Minuten mehr durchspielen, aber über ihre Erfahrung unverzichtbar sind und in gewisser Weise „mitcoachen“. Und generell sind ältere und erfahrene Spieler für eine Mannschaft bedeutsam, denn zu viel Verantwortung kann junge Spieler leicht überfordern.

Wie gelingt es, die Balance zu finden, sodass junge Spieler weder überfordert noch unterfordert werden?

Das ist ein Punkt, den man als Trainer im Blick haben muss. Unterforderung und Überforderung liegen dicht beieinander und müssen mitunter auch sein. Eine – leichte – Unterforderung ist per se nichts schlechtes, weil sie mitunter den Raum gibt, um Dinge auszuprobieren. Wenn ein A-Jugendlicher beispielsweise schon bei den Herren trainiert und dann in seiner Altersklasse nicht mehr hundert Prozent an seine Leistungsgrenze gehen muss, ist das nicht schlimm. Er hat dort vielleicht auch eine andere Rolle als bei den Männern. Und wenn ein A-Jugendlicher wiederum neu im Männerbereich ist, ist es normal, dass er in den ersten Trainingseinheiten und Spielen überfordert sein wird. Es sollte sich aber nach und nach einpendeln. Ich kann nur empfehlen, dass die Jungs sich früh im Seniorenbereich ausprobieren dürfen, dann wird man sehen, wohin die Reise gehen kann.

Wenn du eben von einem ausgewogenen Kader gesprochen hast: Wie entscheidest du, ob ein junger Spieler in die Mannschaft passt?

Falls ich das voranstellen darf: Dass ein Spieler in die Mannschaft passt, ist nur ein Faktor. Viel wichtiger ist, dass er zu mir als Trainer und meiner Spielidee passt. Ich brauche keinen jungen Spieler holen, der seine absolute Stärke im Eins-gegen-Eins hat, wenn ich von ihm dann erwarte, dass er aus 15 Metern den Ball auf das Tor hämmert. Bevor ich den Spieler hole, der in der Jugend 300 Tore in einer Saison geworfen hat, muss ich also überlegen, ob er in mein Konzept passt, sonst wird es ein beidseitiger Reinfall.

Wie gehst du bei so einer Entscheidung vor?

Es hilft natürlich, wenn man einen Spieler kennt, weil man vielleicht früher schon mit ihm gearbeitet hat. Es kann und darf jedoch kein Kriterium sein, einen Spieler nur zu nehmen, weil man ihn schon kennt. Das wichtigste Kriterium ist natürlich die Leistung, da kann ich als Trainer auch Statistiken als Grundlage heranziehen. Wie viele Tore hat ein Spieler geworfen, wie viele Assists, wie ist seine Wurfquote? Es gibt jedoch Faktoren, die keine Statistik der Welt zeigt.

Zum Beispiel?

Wie ist die Persönlichkeit eines Spielers? Hat ein Spieler Spaß an der Abwehr? Ist ein Spieler – abseits der sportlichen Leistung – bereit, eine Führungsrolle in der Mannschaft einzunehmen? Wie ist seine Einstellung im Training? Ist er bereit, aus seiner Komfortzone herauszugehen? Wie ist seine körperliche Entwicklung? Wie geht er mit der Körperlichkeit im Männerbereich um?

Wie findest du die Antworten auf diese Fragen?

Ich finde es ganz wichtig, mit dem Spieler und seinen Eltern, aber auch seinen Trainern oder Mitspielern – ob ehemalig oder aktuell – zu reden. Sie können dir neue Perspektiven geben. Ich bekomme auch immer wieder Anrufe von Trainerkollegen, die mich zu früheren Spielern befragen. Dieser Austausch ist enorm wichtig. Wenn mir ein Trainerkollege sagt: Spieler X hat Talent, aber ist im Training ein Schludrian, dann weiß ich, dass es nicht passen wird, wenn ich viel Wert auf Disziplin lege.

Wenn du dich für einen Spieler entscheidest: Wie viel ist Bauchgefühl und wie viel ist Statistik?

Fifty-Fifty. Die Statistik ist eine wichtige Grundlage, aber man kann sich nicht nur darauf verlassen. Die Quote und die Anzahl der technischen Fehler wären vielleicht noch statistisch erfassbar, aber wie ein Spieler deckt und wie sein Mindset auf der Bank ist, wenn er ausgewechselt wurde, zeigt keine Zahl. Bleiben wir bei unserem Spieler, der 300 Tore erzielt hat: Sitzt er nach seiner Auswechslung bockig da oder feuert er die Mannschaft an? Und wenn er in einem Spiel vielleicht nur drei von elf Würfen getroffen hat: Unterstützt er nach seiner Auswechslung von der Bank und freut sich mit seinen Teamkollegen oder meckert er die ganze Zeit gegen Schiedsrichter und über die Fehler der Mitspieler? Mentalität kann man nicht an Zahlen ablesen. Daher kann ich neben dem Austausch mit Trainerkollegen nur dazu raten, sich auf jeden Fall ein oder zwei ganze Spiele anzugucken, um zu beobachten, wie er sich abseits eines Videozusammenschnitts seiner Tore präsentiert.

Selbst, wenn auf dem Papier alles gut aussieht und auch die zweiten Meinungen positiv sind: Eine Garantie, dass es funktioniert, gibt es nicht, oder?

Nein, natürlich nicht. Ob ein A-Jugendlicher seine Qualitäten auch im Erwachsenenbereich zeigen kann, ist ein Blick in die Glaskugel. Ob ein Spieler seinen „X-Faktor“, der ihn auszeichnet, nicht nur unter Gleichaltrigen zeigen kann, sondern auch im Erwachsenenbereich abrufen kann, kann man nicht vorhersagen. Und der Spieler muss sich in der neuen Mannschaften auch anbieten wollen, sonst hast du als Trainer keine Chance.

Magst du das erklären?

Es gibt A-Jugendliche, die nach ein, zwei Wochen völlig akzeptiert sind, weil sie mit ihrer Leistung überzeugen und die älteren Spieler ihr Talent auch sehen. Felix Göttler wäre dafür ein gutes Beispiel aus meiner Zeit in Essen. Kapitän Dennis Sczesny war am Anfang skeptisch, aber Felix hat ihn in der Vorbereitung komplett überzeugt und in der Saison selbst 155 Tore in 33 Spielen gemacht. Über Leistungsbereitschaft, Wille, Einstellung und Disziplin kann man als junger Spieler also viel gewinnen, aber auch viel verlieren, wenn diese Faktoren nicht stimmen. Ob ein Spieler ankommt, hängt viel an ihm selbst. Als Trainer kannst du einen jungen Spieler in einem gewissen Rahmen fördern, aber du darfst ihn nicht blind protegieren. Er muss sich bewähren.

Wann würdest du sagen: Finger weg von einer Verpflichtung?

Wenn mich ein Spieler von der Einstellung nicht überzeugt hat und ich Bauchschmerzen habe, hole ich ihn nicht – auch, wenn er 300 Tore in einer Saison geworfen hat. Und Trainer und Verein müssen sich einig sein, wen sie holen. Wenn ein Trainer mit einem Spieler arbeiten muss, weil er ihn vom Verein vorgesetzt bekommt, wird es keine fruchtbare Beziehung. Daher ist es als Verein keine Lösung, einfach junge Spieler zu holen, weil es gerade en vogue ist – man sollte einen Spieler nur holen, wenn er zum Trainer passt.

Schlagen wir abschließend einen Bogen zum Anfang: Wenn ein junger Spieler bei dir erfolgreich im Erwachsenenbereich angekommen ist und sich auszeichnet, kommt vielleicht irgendwann der nächste Schritt – und es kommen die Anfragen. Wie schwierig ist es, Spieler ziehen zu lassen, die man bei so einem wichtigen Schritt begleitet hat?

Das ist natürlich hart, aber als Trainer muss man offen sein. Man kann ja niemanden zwingen, zu bleiben und jemanden absichtlich schlecht zu reden, ist keine Option. Wenn ein Angebot für einen Spieler geil ist, ist das doch toll und man kann ihn stolz ziehen lassen. Mich freut das immer riesig – und dann suche ich den nächsten Spieler, der diesen Weg gehen kann (lacht).